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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

brachte,  konnten  eine  Zeitlang  das  Missverhältnis  verdecken.  Aber
auf  die  Länge  nützten  weder  Fleiss  noch  Eifer,  weder  Umsicht  noch
Verlässlichkeit,  weder  Geschicklichkeit  im  Anlassen  noch  Gewandtheit
im  Ausfuhren  des  Verschiedensten.  Und  der  nächste  Anlass  musste
der  willkommenste  sein,  um  den  Mann  im  Stiche  zu  lassen.  Aber  es
galt  diesmal  nicht  bloss  den  Mann,  sondern  auch  den  Posten.  Denn
während  er  bei  seinen  Schmeichlern,  von  denen  er  naturgemäss  umgeben ­
  war,  nur  verhasst  war,  beschleunigte  er  in  Rousseau  Gefühle
und  Entschlüsse,  die  sich  ohne  ihn  wahrscheinlich  langsamer  entwickelt ­
  hätten.  Zurücksetzungen,  Beleidigungen,  —  das  wurde  alles
eine  Zeitlang  muthig  ertragen.  Bot  ja  der  Heiz,  den  das  venetiauische
Theater  und  die  italienische  Musik  auf  ihn  ausübten,  so  viel  Sonnenblicke ­
  dar,  dass  es  in  seiner  trübseligen  Lage  auch  an  Erheiterungen
nicht  fehlte  i).  Als  er  aber  merkte,  dass  die  zu  erduldenden  Kränkungen ­
  absichtliche  seien,  nahm  er  seinen  Abschied,  oder  vielmehr,
er  verliess  das  Haus,  ohne  einen  solchen  zu  erhalten 2 ).  So  stand
der  an  ein  unabhängiges  Leben  längst  gewöhnte 3 )  junge  Mann  wieder
auf  freien  Füssen  und  hatte  eine  Laufbahn,  welche  sich  hätte  glänzend
gestalten  können,  im  Rücken 4 ).

I.  p.  161  f.  Für  seine  musikalische  Entwicklung  ist  dieser  Umstand  von  Wichtigkeit. ­
  Rousseau  hatte  von  Paris  das  dort  gehegte  Vorurtheil  gegen  italienische
Musik  mitgebracht,  mais  j’avois  aussi  regu  de  la  nature  cette  sensibilite  de  tact
contre  la  quelle  les  prejuges  ne  tiennent  pas.
a )  Montaigu  ignorirte  nämlich  lange  Zeit  das  Ansuchen  Rousseau’s,  ihm  den  Abschied
zu  gewähren,  I.  p.  160.
8 )  Rousseau  spricht  zwar  nur,  während  er  die  Verrichtung  seiner  Geschäfte  erzählt
(1.  p.  154),  davon,  dass  in  der  Art  der  Ausführung  sich  seine  glückliche  Naturanlage, ­
  die  Erziehung,  die  ihm  die  „beste  Frau“  und  die  er  sich  selbst  gegeben,
geolfenbart  habe,  aber  er  sagt  nicht,  dass  bei  dem  gefassten  Entschlüsse,  den
Secretärsposten  zu  verlassen,  sein  in  der  ganzen  Jugend  frei,  ungebunden  und
unabhängig  dahingegangenes  Leben  mitgewirkt,  um  eine  absichtliche  Knechtung
(I.  p.  160:  II  (Montaigu)  vouloit  me  garder  et  me  mater)  abzuschütteln.  Der
aufmerksame  Leser  wird  diesen  Schleier  zu  durchschauen  vermögen  und  das
Gewicht  des  letztem  Umstandes  nicht  unbeachtet  lassen.
4 )  Die  Abenteuer  mit  zwei  Mädchen  (I.  p.  163  f.),  welche  Rousseau  in  Venedig  erlebte ­
  und  von  denen  das  eine  mit  dem  ganzen  sinnlich  -  romanhaften  Aufputz
Rousseau’scher  Art  erzählt  wird,  sind  für  seine  weitere  Entwicklung  ohne  alle
Bedeutung  und  bilden  in  seinem  Leben  zu  Venedig  eine  zu  kurze  Episode,  als  dass
sie  eine  weitere  Berücksichtigung  verdienten.
            
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