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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

.1.  J.  Rousseau’s  Lehen.

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hatte  sie  keine  Zeit,  an  die  Sorge  fiir  ihren  Sohn  zu  denken  und
Rousseau,  welcher  acht  Tage  lang  während  der  Abwesenheit  der
Mutter  die  Aufsicht  übernahm,  scheint  die  Erfahrung  gemacht  zu
haben,  dass  es  Kinder  gebe,  welche  statt  natürlicher  Eigenschaften
üble  Gewohnheiten  besitzen  i).
Ganz  nutzlos  indessen  waren  diese  Bekanntschaften  denn  doch
nicht.  Madame  de  Broglie  brachte  Rousseau  dem  Grafen  Montaigu,
Ambassadeur  in  Venedig,  für  den  Posten  eines  Secretärs  in  Vorschlag ­
  und  so  vertauschte  Rousseau  anderthalb  Jahre  lang 2 )  seine
musikalischen  Projecte  und  Phantasien  2 )  mit  den  Arbeiten  eines  Gesandschaftssecretärs.

Montaigu  war  ein  Graf  vom  alten,  d.  h.  gewöhnlichen  Schlage
des  achtzehnten  Jahrhunderts:  unwissend  in  grossen  wie  in  kleinen
Dingen 4 ),  rücksichtslos  und  auffahrend  gegen  seine  Untergebenen  5),
nachlässig,  als  sei  er  zu  gar  keinen  Dienstesleistungen  verpflichtet 6 ).
Zu  diesen  allgemeinen  Tugenden  gesellten  sich  noch  andere,  welche
seine  Persönlichkeit  besonders  zierten:  Eigensinn  uud  Kleinlichkeit,
ein  aufbrausendes  Wesen,  vor  allem  aller  eine  gemeine  Habsucht 7 ).
Das  war  der  Mann  nicht,  mit  dem  ein  langer  und  guter  Verkehr  zu
erwarten  stand.  Noch  weniger  war  er  geeignet,  dem,  der  eine  neue
Carriere  zu  ergreifen  sich  anschickt,  dieselbe  recht  einladend  zu
machen.  Indessen  die  Verlegenheit  und  Unordnung,  in  welcher  sich
dieser  Ambassadeur  mit  seinen  Geschäften  befand,  die  Geschicklichkeit
ferner,  welche  Rousseau  allem,  was  in  seine  Hände  kam,  entgegen-4

 )  Dieser  Schluss  lässt  sich  nur  vermuthun^sweise  aus  dem,  was  Rousseau  mittheilt,
ziehen.  Er  habe  nämlich,  wie  er  sagt,  diese  8  Tage  in  grosser  Pein  hingebracht
und  der  Sohn  der  Madame  Dupin  habe  später  seine  Familie  entehrt  nnd  sei  auf
Ile-de-Bourhon  gestorben.  I.  p.  150.
2 )  I.  p.  163.  166.
8 )  ln  diese  Zeit  fällt  der  erste  Entwurf  der  Muses  galantes,  eines  heroischen  Ballets,
wieder  abgedruckt  III.  p.  239.  f.
*)  Er  konnte  weder  dictiren  noch  leserlich  schreiben  .1.  p.  153.
5 )  Siehe  namentlich  I.  p.  159  f.
®)  Das  Wichtigste  blieb  oft  der  Hand  des  Secretärs  überlassen.  Siehe  namentlich
I.  p.  157.  Die  Antwort  auf  eine  am  folgenden  Tage  ankommende  Depesche  musste
auf  seinen  Befehl  den  Tag  vorher  abgefasst  werden.  I.  p.  154.
7 )  Abgesehen  von  dem  niedrigen  Gehalte,  welchen  er  dem  Secretär  aussetzte,  erhob
er  Anspüche  auf  die  Secretariatseiukiinfte,  I.  p.  153,  verrechnete  er  Rousseau  eine
Kiste  mit  11  Centiiern  welche  45  Pfund  gewogen  hatte,  I.  p.  167.
            
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