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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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vorerst  nur  einen  Versuch.  Aber  dieser  erste  Versuch  schon  offenbarte ­
  die  ganze  Kluft  zwischen  dem  an  nachhaltige  Vertiefung  gewöhnten, ­
  zu  ländlicher  Einsamkeit  und  grübelnder  Beschaulichkeit
hingeneigten  Geist  Rousseau's  und  dem  kurzlebigen  Glanze  des  Pelotonfeuers ­
  geistreicher  Geselligkeit  in  den  Pariser  Kreisen;  und  die
erste  Zusammenkunft  war  zu  charakteristisch,  um  nicht  der  Vermuthung
  Raum  zu  geben,  dass  es  Rousseau,  wenn  es  gelten  sollte,
Carriere  zu  machen,  gar  bald  an  Lust  und  Geduld  fehlen  würde,  um
auf  diesem  Wege  auszuharren.  Rousseau  kommt  zur  Madame  de
Beuzenval  und  Madame  de  Brogli.  Da  sprudeln  „all  die  kleinen  Stichworte ­
  und  feinen  Anspielungen“,  wie  sie  der  gute  Ton  verlangt,  —
lauter  geistreiche  Leerheiten.  Dieselben  Zungen,  welche  sonst  an
Delicatessen  gewöhnt  sein  mochten,  waren  so  genügsam,  mit  geistigen
Abfällen  vorlieb  zu  nehmen.  Rousseau,  schüchtern  und  geblendet  vor
solchen  Geistesblitzen,  schweigt.  Eine  solche  Überfülle  von  „Geist“
(esprit)  übersteigt  den  Bereich  der  Möglichkeit.  Siehe  da,  das  Feuer
verlöscht  und  Rousseau  weiss  sich  und  die  Gesellschaft  mitten  in  der
Gesellschaft  in  seine  Einsamkeit  zurückzuziehen.  Er  liest  jene  „Epistel
an  Parisot“  vor.  Man  hört  mit  Gespanntheit  zu  diesem  Bilde  der  inneren ­
  Entwicklung  Rousseau's,  man  ist  augenblicklich  überzeugt,  es
sei  ihm  unmöglich  den  Grossen  zu  schmeicheln,  man  ist  gerührt  über
den  Sehlussgedanken,  der  innere  Frieden  sei  des  Weisen  wahres
Glück  i).  Aber  für  sehende  Augen  konnte  diese  ganze  Zusammenkunft
keinen  Zweifel  übrig  lassen,  dass  sich  Rousseau  auf  ganz  fremdem
Boden  befand.  Die  Bekanntschaft  mit  der  Madame  Dupin,  welche  ihn
Anfangs  fesselte  und  welche  ebenfalls  ein  Mittelpunkt  war  für  Grosse
und  Gelehrte  2 ),  war  auch  nicht  dazu  angethan,  um  jene  Kluft  verschwinden ­
  zu  machen.  Von  dem  Glanze  ihrer  Cirkel  ganz  erfüllt,

*)  Die  geistreichen  Kreise  (Rureaux  d’esprit)  einer  Tencin,  Geoffrin  .  Deffant
(Schlosser,  Geschichte  des  18.  Jahrhunderts  5.  Aufl.  I.  518—531)  haben  für  die
Bildung  des  achtzehnten  Jahrhunderts,  namentlich  der  vornehmen  Kreise,  welche
von  dem  eigentlichen  Volke  durch  eine  nicht  geringe  Kluft  getrennt  waren
(Schlosser  a.  a.  O.  S.  542  f.),  eine  Bedeutung,  welche  nicht  unterschätzt  werden
darf.  Rousseau  hebt  —  und  das  muss  der  Leser  der  Confessions  im  Auge  behalten,
—  nur  die  schwachen  Seiten  derselben  hervor.  Er  hat  mehr  die  Eitelkeit  derer
im  Sinne,  welche  mit  dem  Luxus  der  Bildungsmittel  sich  zu  befriedigen  sucht,  als
den  Werth  dieser  Bildungsmittel  selbst.  Für  das  Bild  der  inneren  Entwicklung
Rousseau's  ist  das  Letztere  allerdings  von  secundärer  Bedeutung.
2)  1.  p.  149.
            
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