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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

So  hatte  das  ihn  Streben  nach  Unabhängigkeit'),  gestärkt  durch
die  Kraft,  welche  die  Studien  und  das  Leben  in  den  Wissenschaften
einflössten  2 ),  ein  Ziel  verfolgen  gelehrt,  welches,  wenn  noch  andere
sich  hinzugesellen,  zu  echtem  Seelenadel  führen  kann.  Mit  der  begonnenen ­
  Bekämpfung  und  Verdrängung  der  Bedürfnisse  war  wenigstens ­
  die  Aussicht  geschaffen,  das  bessere  Gefühl  nicht  bloss  aufflackern ­
  zu  lassen,  sondern  zur  Herrschaft  zu  bringen,  und  allen  zu
dessen  Unterdrückung  bereiten  Wünschen  an  die  Wurzel  zu  greifen
und  sie  herauszureissen.  Zum  Tlieil  ist  Bousseau  dies  später  gelungen. ­

4.  Capitel,  Berufsversuche.
Bei  einem  so  gut  als  vermögenslosen  Zustande  galt  es,  eine  Lebensstellung ­
  zu  suchen,  welche  fähig  sei,  den  Mann  zu  erhalten.  Er
war  schon  früher  mit  sich  darüber  zu  Rathe  gegangen,  auf  welche
er  sein  Augenmerk  richten  solle  s).  Seine  musikalischen  und  wissenschaftlichen ­
  Kenntnisse,  die  Schreibfertigkeit,  die  er  sich  erworben
hatte,  wiesen  ihn  auf  Unterricht  hin  oder  einen  Secretärsposten  bei
einem  vornehmen  Herrn.  Die  Vermittlung  einer  Freundin  der  Frau
von  Waretis  hatte  zur  Folge,  dass  er  sich  für  das  erstere  entschied:
so  wurde  er  Erzieher  der  zwei  Kinder  des  Grand-Prevöt  de  Mabiy  in
Lyon  4).  Es  fehlte  ihm  für  diesen  Beruf  nicht  an  den  nöthigen  Kenntnissen, ­
  nicht  an  Geduld,  ja  noch  mehr:  er  Hess  seinen  Erziehungsplan ­
  nicht  an  der  Hand  des  Zufalls  oder  mit  Hilfe  drängender  Erlährungen ­
  sich  blindlings  entwickeln,  sondern  suchte  sich  ein  klares
Bewusstsein  über  die  Aufgabe,  die  ihm  gestellt  war,  zu  verschaffen.

*)  Siehe  den  Brief  an  seinen  Vater  aus  dem  J.  1732.
2 )  I.  p.  137:  Ainsi  commencerent  ä  germer  avee  mes  malheurs  les  vertus  dont  la
semence  ctoit  au  fond  de  mon  ame,  que  l’etude  avoit  cultivees,  et  qui  n’attendoient
pour  eclore  que  le  ferment  de  I’adversite.  Gegen  Neid  und  Hass  habe  sein
innerer  Kampf  sich  zuerst  gewendet.
8 )  Siehe  den  Brief  an  seinen  Vater  aus  dem  Jahre  1736.  Bezüglich  einer  Hofmeisterstelle ­
  bei  einem  jungen  Herrn  sagt  Bousseau,  er  gestehe  für  diesen  Stand  von
Natur  einige  Vorliebe  zu  haben  IV.  p.  168.
Rousseau  rechnet,  aber  aus  dem  bloss  äusserlichen  Grunde  einer  noch  halben
Zusammengehörigkeit  mit  der  Frau  von  Warens,  seine  Thätigkeit  als  Hofmeister
noch  zu  seiner  Jugendgeschichte  (livre  VII,  Eingang)  und  erzählt  dieselbe  desshalb
am  Ende  des  6.  Buches,  d.  h.  am  Ende  des  ersten  flaupttheils  der  Confessions.
            
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