So hatte das ihn Streben nach Unabhängigkeit'), gestärkt durch
die Kraft, welche die Studien und das Leben in den Wissenschaften
einflössten 2 ), ein Ziel verfolgen gelehrt, welches, wenn noch andere
sich hinzugesellen, zu echtem Seelenadel führen kann. Mit der begonnenen
Bekämpfung und Verdrängung der Bedürfnisse war wenigstens
die Aussicht geschaffen, das bessere Gefühl nicht bloss aufflackern
zu lassen, sondern zur Herrschaft zu bringen, und allen zu
dessen Unterdrückung bereiten Wünschen an die Wurzel zu greifen
und sie herauszureissen. Zum Tlieil ist Bousseau dies später gelungen.
4. Capitel, Berufsversuche.
Bei einem so gut als vermögenslosen Zustande galt es, eine Lebensstellung
zu suchen, welche fähig sei, den Mann zu erhalten. Er
war schon früher mit sich darüber zu Rathe gegangen, auf welche
er sein Augenmerk richten solle s). Seine musikalischen und wissenschaftlichen
Kenntnisse, die Schreibfertigkeit, die er sich erworben
hatte, wiesen ihn auf Unterricht hin oder einen Secretärsposten bei
einem vornehmen Herrn. Die Vermittlung einer Freundin der Frau
von Waretis hatte zur Folge, dass er sich für das erstere entschied:
so wurde er Erzieher der zwei Kinder des Grand-Prevöt de Mabiy in
Lyon 4). Es fehlte ihm für diesen Beruf nicht an den nöthigen Kenntnissen,
nicht an Geduld, ja noch mehr: er Hess seinen Erziehungsplan
nicht an der Hand des Zufalls oder mit Hilfe drängender Erlährungen
sich blindlings entwickeln, sondern suchte sich ein klares
Bewusstsein über die Aufgabe, die ihm gestellt war, zu verschaffen.
*) Siehe den Brief an seinen Vater aus dem J. 1732.
2 ) I. p. 137: Ainsi commencerent ä germer avee mes malheurs les vertus dont la
semence ctoit au fond de mon ame, que l’etude avoit cultivees, et qui n’attendoient
pour eclore que le ferment de I’adversite. Gegen Neid und Hass habe sein
innerer Kampf sich zuerst gewendet.
8 ) Siehe den Brief an seinen Vater aus dem Jahre 1736. Bezüglich einer Hofmeisterstelle
bei einem jungen Herrn sagt Bousseau, er gestehe für diesen Stand von
Natur einige Vorliebe zu haben IV. p. 168.
Rousseau rechnet, aber aus dem bloss äusserlichen Grunde einer noch halben
Zusammengehörigkeit mit der Frau von Warens, seine Thätigkeit als Hofmeister
noch zu seiner Jugendgeschichte (livre VII, Eingang) und erzählt dieselbe desshalb
am Ende des 6. Buches, d. h. am Ende des ersten flaupttheils der Confessions.