Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  .1.  Rousseau’s  Leben.

397

einen  nähern  Umgang  mit  einem  Perrückenmacher,  einer  gemeinen
Natur,  angeknüpft,  und  Rousseau,  obwohl  selbst  sinnlich  genug,  da
ja  auch  dieser  Zug  seine  natürliche  und  ungehinderte  Entwicklung
erfahren  konnte,  und  obwohl  sich  glücklich  fühlend  in  jener  Lage,
welche  seine  Liebe  für  die  Studien,  für  die  Natur,  die  ländliche  Ein^
samkeit  und  für  die  Weiber  zufrieden  stellte  *),  hatte  doch  so  viel
gesundes  Schamgefühl  und  so  viel  Willenskraft,  dass  er,  obwohl  mit
ihr  in  einem  Hause  zusammenwohnend,  doch  zwei  Jahre  hindurch
sich  ihrer  enthielt 3 )  und  dann,  als  der  gegenwärtige  Reiz  durch
Studien  nicht  bleibend  verdrängt  werden  konnte,  sondern  nur  zu
einer  Quelle  von  Leiden  und  Kümmernissen  wurde  s),  sich  gänzlich
von  ihr  trennte.

p.  102:  eile  ne  pouvoit  concevoir  qu’on  donnat  tant  d’importance  ä  ce  qui  n’en
avoit  pour  eile).  Das  war  aber  nicht  das  Zeichen  der  Leidenschaftslosigkeit,  sondern
des  Mangels  an  jener  Erregung,  welche  mit  der  Frische  der  Empfänglichkeit
verbunden  ist.  Übrigens  mag  das  Motiv  dabei  im  Spiele  sein,  sie  vor  der  Welt  in
Schutz  zu  nehmen,  aber  wichtiger  ist  es,  sich  die  in  der  Einleitung  angegebene
Anschauung  Rousseau’s  zu  vergegenwärtigen  ,  welche  es  augenscheinlich  macht,
dass  er  in  der  Beurtheilung  Anderer  nicht  weniger,  wie  seiner  selbst  durch  sie
befangen  wurde.
*)  Den  Mangel  an  Übeln,  welche  dem  Alter  gegenwärtig  erscheinen,  in  der  Jugend
als  ein  positives  Glück  zu  empfinden,  ist  überhaupt  nicht  möglich.  Die  Güter,  in
deren  Vollgenuss  Rousseau  in  Les  Charmettes  wirklich  war,  sind:  Freiheit  von
Kummer  und  Sorgen,  ländlicher  Aufenthalt,  zärtlicher  weiblicher  Umgang  und
Freude  an  dem  durch  Studien  erweiterten  Geistesblick.  Siehe  das  Gedicht  Le  verger
des  Charmettes  III.  p.  357  (v.  J.  1736).  Im  Alter,  d.  h.  bei  Abfassung  der  Confessions
erschien  ihm  jener  Aufenthalt  in  Les  Charmettes  als  das  goldene  Zeitalter  seines
*  Lebens:  Ici  commence  le  court  bonheur  de  ma  vie;  ici  viennent  les  paisibles,
mais  rapides  momens  qui  m’ont  donne  le  droit  de  dire  que  j’ai  vecu  (I.  p.  117,
livre  VI).
*)  Nach  den  Briefen  aus  Montpellier  vom  14.  December  1737  (IV.  p.  176)  und  aus
Lyon  vom  1.  Mai  1740  (IV.  p.  180)  vom  Januar  1738  bis  April  1740.  Er  sagt:
Je  tins  cette  resolution  avec  une  constance,  digne,  j’ose  le  dire,  du  sentiment,
qui  me  l’avoit  fait  former  (I.  p.  137).
3 )  Rousseau  gibt  diesem  peinlichen  Widerstreit  Worte  I.  p.  138:  Cette  vie  me  devint
bientöt  tout-ä-fait  insupportable.  Je  sentis  que  la  presence  personnelle  et  l’eloignement
  de  coeur  d’une  femme  qui  m’etoit  si  obere  irritoient  ma  douleur,  et  qu’en
cessant  de  la  voir  je  m’en  sentirois  moins  cruellement  separe.  Es  scheint  aber
nicht,  als  ob  Rousseau  von  dieser  Erfahrung  für  seine  spätere  Anschauung  einen
Nutzen  gezogen  habe.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.