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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

Ohne  Zähigkeit  und  Hartnäckigkeit,  ohne  den  Entschluss,  das
einmal  Begonnene  um  jeden  Preis  so  lange  fortzusetzen,  bis  ein  gewisses ­
  Ziel  erreicht  sei,  wäre  dieser  Erfolg  nicht  erklärlich.  Ungemein ­
  erleichternd  wirkte  hiebei  die  Stundeneintheilung,  die  er  sich
machte  und  durch  welche  er  den  drohenden  Folgen  der  aus  Mangel ­
  an  Abwechslung  entstehenden  Abspannung  zuvorzukommen
wusste.  In  diesem  „Plan“  ist  Methode.  Mit  Sonnenaufgang  ist  der
Naturfreund  im  Freien,  um  sich  zu  sammeln;  die  abstractesten  Gegenstände, ­
  Philosophie  und  Mathematik,  machen  den  Anfang,  Latein
und  Geschichte  folgen  nach;  der  Nachmittag  wird  mit  ländlichen
Arbeiten  hingebracht,  und  dem  empfangenen  Stoff,  falls  die  geistige
Verdauung  eine  langsame  ist,  die  hiezu  nöthige  Zeit  gewährt;  der
Abend  endlich  ist  der  Beobachtung  des  Himmels  gewidmet.  Auf  diese
Weise  konnte  die  ganze  Tageszeit  ohne  Ermüdung  ausgeniitzt  werden.
Mag  aber  auch  der  Reichthum  an  Kenntnissen  gering,  ihr  Zusammenhang ­
  locker  sein,  der  bei  solchen  autodidaktischen  Bemühungen ­
  errungen  wird:  es  war  ihm  doch  endlich  eine  Welt  eröffnet,  in
welcher  er  sich  heimisch  fühlen  konnte.  Romantische  Abenteuer
haben  ihr  Ende  erreicht,  denn  ernstere  Lebensarbeiten  nehmen  gar
zu  viel  Zeit  in  Anspruch.  Was  aber  erheblicher  ist:  die  Kraft  des
Willens,  die  sich  die  eigene  Arbeit  wählt,  trotz  mühsamen  Suchens
und  Irrens  ausharrt,  muss  durch  diese  Studien  nothwendig  wachsen.
Damit  ist  schon,  um  von  der  dabei  unabtrennlichen  Selbstthätigkeit
gar  nicht  zu  reden,  ein  Schatz  gewonnen,  der  seine  Früchte  tragen
muss.  Die  Frau  von  Warens  war  die  erste,  an  welcher  er  sie  erprobte.
Sie  hatte,  während  Rousseau  seiner  Gesundheit  wegen  eine  Reise
nach  Montpellier  unternommen  hatte,  ihrem  üblen  Hange  gemäss 3 )

*)  Der  Satz,  den  Rousseau  bei  dieser  Gelegenheit  ansspricht,  hat  aus  psychologischen
Gründen  eine  viel  allgemeinere  Geltung,  als  er  zu  glauben  scheint:  Si  je  m’obstine
(nämlich  bei  der  Lectüre  eines  Buches  länger  als  es  zuträglich  ist,  auszuharren),
je  m'epuise  inutilement,  les  eblouissemens  me  prennent,  je  ne  vois  plus  rien;  mais
que  des  sujets  difterens  se  succedent,  meme  sans  interruption,  l’un  me  delasse  de
l’autre,  et,  sans  avoir  besoin  de  relache,  je  les  suis  plus  aisement.
*)  Von  einem  Hange  will  Rousseau  freilich  nichts  wissen;  ihr  Herz  —  versichert  er  —
sei  gut  und  rein,  ihre  Fehler  seien  aus  den  Irrthümern  des  Verstandes  entsprungen
(I.  p.  101),  nie  aus  ihren  Neigungen.  Es  ändert  am  Unwerth  einer  Handlung
wenig,  ob  sie  aus  dieser  oder  jener  angeblichen  Quelle  entsprossen  sei,  und  die
Verirrungen  des  Verstandes  sind  nur  ein  Mantel,  der  schlecht  verhüllt.  Rousseau
liess  sich  durch  ihre  Kälte  täuschen,  die  sie  an  den  Tag  zu  legen  wusste  (l.
            
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