Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

.1.  J.  Rousseau’s  Leben.

389

Musikus')  geworden,  —  noch  dazu  ein  Musikus  ohne  gründliche
Studien 2 ),  ein  dilettantischer  Schwärmer.  Etwas  Seltenes  ist  es
freilich  nicht,  dass  gerade  diese  Kunst,  weil  sie  die  Gemüther  zu  ergreifen ­
  weiss,  ohne  dass  dieselben  eine  eingehende  Kenntniß  ihi
entgegenbringen,  den  Reiz  ausüht,  sich  mit  ihr  zu  beschäftigen,  se.
es  nun  durch  praktische  Übung  oder  durch  ästhetisirendes  Spielen
mit  Worten.  In  Rousseau  fand  sie  noch  dazu  einen  günstigeren  Roden ­
  als  gewöhnlich.  Die  Kindheit  ist  damit  vertraut  gemacht»),  die
Jugend,  voll  von  romantischen  Träumen,  sucht  auch  dem  Unsagbaren
Worte  zu  leihen 4 ),  ein  Herz,  welches  gefühlswarm  ist  bis  zur  Sentimentalität: ­
  da  dürfte  wohl  die  Musik  als  ein  herrliches  Feld  erscheinen ­
  und  geeignet  genug,  für  alles  dies  eine  Sprache  zu  reden!  Der
durch  frühere  Praxis  gewachsene  Muth  des  Autodidakten  wird  schon
das  Übrige  thun,  die  mangelnde  Kenntniss  irn  Lehren  zu  lernen,  von
den  prächtigen  Gelegenheiten  gar  nicht  zu  reden,  die  eine  solche
Stellung  von  selbst  entgegenträgt,  in  schöne  Cirkel  und  weibliche
Herzen  Eingang  zu  finden.
Der  letztere  Umstand  hätte  hei  dem  Grade  von  Reizbarkeit,
welchen  Rousseau  besaß,  ihm  leicht  eine  neue  Quelle  von  Zerstreuungen ­
  werden  können,  statt  Früchte  einer  musicirenden  Praxis  zu
sammeln.  Indessen  blieb  er  diessmal  vor  neuen  Irrungen  der  Phantasie ­
  verschont  und  die  Vermuthung  hat  eigentlich  keinen  grossen
Spielraum,  auf  welche  seine  Wahl  fällen  dürfe,  denn  er  brauchte  ja
nicht  in  der  Ferne  zu  suchen,  was  ihm  so  nahe  war.  Seine  bisherige
Freundin  und  Erzieherin  wurde  seine  Geliebte.  Gutmüthig  wie  er»),
*)  Wie  wenig  dieser  Beruf  damals  in  Ansehen  stand,  dafür  gibt  Rousseau  selbst  Belege ­
  an  die  Hand.  Bei  Erwähnung  eines  Streites  des  Chormeisters  von  Annecy  mit
seinen  geistlichen  Oberen  sagt  er  von  diesen  am  Ende  des  3.  Buches  (I.  p.  63),
dass  sie  jenen  „sehr  von  oben  herab“  (avec  assez  de  hauteur)  behandelten;  und
in  einem  Briefe  vom  20.  Juni  1733  (IV.  p.  166)  sagt  er  von  sieh  seihst,  er  wolle
nicht  in  Besangon  bleiben  und  für  einen  blossen  Musiker  gelten,  was  ihm  für  die
Folge  viel  schaden  würde.  Es  dauerte  überhaupt  noch  lange  —  man  denke  nur  an
die  Behandlung,  welche  Mozart  unter  dem  Erzbischof  von  Salzburg  erfuhr  —  ehe
der  Stand  der  Musiker  im  Ansehen  der  Leute  stieg.
2 )  Sie  wurden  erst  einige  Zeit  später  in  Angriff  genommen.  S.  unten.
*)  S.  1.  Capitel.
4 )  I.  p.  33.  70.  78.
6 )  Rousseau  hatte  z.  B.  aus  Sorge  für  die  Zukunft  der  Frau  von  Warens  (siehe  die
2.  Anm.  der  nächstfolgenden  Seite)  eine  Sparbüchse  angelegt,  deren  Betrag  sie,
wenn  sie  dieselbe  ausfindig  machte,  wieder  zu  seinen  Gunsten  verwendete.  I.  p.  107.
Sitzb.  d.  phil.-hist.  CI.  LXHI.  Bd.  III.  Ilft.  W
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.