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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

lins; 1 )  und  geweckten  Geiste,  wenn  er  in  der  Einsamkeit  sich
seinen  Bildern  überliess!  In  idyllischer  Einfachheit,  umgeben
von  den  Gestalten  bekannter  und  unbekannter  Frauenherzen,  formten ­
  sich  diese  Bilder  zu  plastischer  Abgeschlossenheit 3 ),  und
der  ohnehin  gefühlswarme,  sentimentale  Jüngling  schloss  sich  mit
einer  Innigkeit  an  dieselbe  an,  als  wäre  der  Traum  ein  Leben.  Der
freie,  immer  klarer  zum  Bewusstsein  kommende  Sinn  für  Unabhängigkeit, ­
  schien  mit  der  Höhe  der  Alpen,  die  er  vor  Augen  sah,  über
die  niedrigen  Hügel  menschlicher  Unterthänigkeitsverhältnisse  ihn
emporzutragens).  Rousseau  schätzt  die  Menge  dessen,  w'as  damals
seine  Phantasie  und  sein  Denken  belebte,  noch  in  seinem  Alter  so  hoch,
dass  er  sagt,  10  Bände  täglich  hätten  nicht  hingereicht,  um  sie  zu
fassen  »)•  Solch  wucherndes  Phantasiren  war  freilich  von  methodischer ­
  Schulung  so  weit  als  möglich  entfernt,  aber  wenn  Rousseau
die  Vortheile  derselben  entgingen,  so  war  und  blieb  er  auch  von
ihren  Nachtheilen  frei.  Er  hatte  keinen  Schulstaub  abzuschütteln,
keine  angewöhnten  und  unverstandenen  Kategorien  gewaltsam  herauszureissen,
  keinen  anerlernten  Phrasenprunk  mühsam  zu  entfernen  <>).

1)  Die  in  der  Kindheit  gelesenen  Romane  offenbarten  auch  damals  ihre  Nachwirkung.
Ein  in  jener  Zeit  gelesener  Roman  war  die  Ursache,  dass  er  in  Lyon  nach  dem
Schauplatz  der  Astree  sich  erkundigte.  I.  p.  85.
2)  Von  Lausanne  aus  machte  er  Ausflüge  nach  Vevay  am  Genfersee,  dem  Geburtsorte
der  Frau  von  Warens,  zugleich  dem  Wohnorte  der  Helden  seiner  „Neuen  Heloise“.
I.  p.  78.
*)  in  dem  schon  erwähnten  und  aus  dem  Jahre  1732  herrührenden  Briefe  Rousseau’s
an  seinen  Vater  findet  sich  bereits  der  Satz  (IV.  p.  162):  C’est  que  j’estime  mieux
une  obscure  liberte  qu’un  esclavage  brillant.
4)  I.  84.  Vorher  bemerkt  Rousseau  (1.  p.  83)  :  Jamais  je  n’ai  tant  pense,  tant  existe,
tant  vecu,  tant  ete  moi,  si  j’ose  ainsi  dire,  que  dans  ceux  que  j’ai  faits  seul  et  ä
pied  ;  und  weiterhin  heisst  es:  On  a,  dit-on,  trouve  de  tout  cela  dans  mes  ouvrages,
quoique  ecrits  vers  le  declin  de  mes  ans.  Bezüglich  der  „zehn  Bände  täglich“
vgl.  den  Anfang  dieses  Capitels.
5)  Wenn  nach  einem  alten  Wort  Kleineres  mit  Grösserem  verglichen  werden  darf,  so
ist  ein  Wort  Göthe’s  über  Amerika  hier  am  Orte:
Amerika,  du  hast  es  besser,
Als  unser  Continent,  das  alte,
Hast  keine  verfallenen  Schlösser,
Und  keine  Basalte.
Dich  stört  nicht  im  Innern,
Zu  lebendiger  Zeit,
Unnützes  Erinnern,
Und  vergeblicher  Streit.
            
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