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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau’s  Leben.

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nicht  gar  zu  sehr,  falls  das  Streben  nach  solcher  Glückseligkeit  habituell ­
  wird,  ein  verhimmelter  und  idealisirter  sinnlicher  Genuss  ein
unerreichbares,  weil  in  sich  widersprechendes  Ziel  wäre,  welches
für  den  darnach  strebenden  nur  zu  einer  Quelle  von  Leiden  wird!  ‘).
In  dem  Verhältnisse  Rousseau’s  mit  der  Frau  von  Warens  haben  jene
Zwittergefühle,  Verquickungen,  Widersprüche  und  Leiden  ihren  Ursprung. ­

Der  Umgang  mit  dieser  Frau,  bei  welcher  er  Wohnung  und  Unterhalt ­
  erhielt,  war  gleich  Anfangs  von  der  zärtlichsten  Art,  behielt  jedoch ­
  das  ganze  Jahr  hindurch,  welches  er  jetzt  bei  ihr  zubrachte 3 )
eine  unschuldige  Gestalt,  und  Rousseau  war  dadurch,  dass  er  einen
Gegenstand  besass,  der  ihn  bleibend  fesselte,  wenigstens  vor  irrem
Herumschweifen  und  ärgeren  Ausschweifungen  gesichert.  Die  Frau
von  Warens,  welche  von  weiblicher  Zurückhaltung  so  weit  emancipirt
war,  um  seine  Zärtlichkeiten  und  Liebkosungen  nicht  unerwidert  zu
lassen,  sorgte  dafür,  dass  das  Band  nicht  gelockert  würde,  war  aber
zugleich  in  Gedanken  und  in  der  That  mit  der  Sorge  um  seine  Zukunft ­
  eifrig  beschäftigt.  Sie  schickte  ihn,  nach  dem  er  sich  einige  Zeit
aus  eigenem  Antriebe  mit  französischer  Literatur 3 )  befasst  hatte,
zuerst  auf  den  Rath  eines  ihrer  Verwandten,  ihn  zum  Dorfpfarrer
ausbilden  zu  lassen,  in  das  Seminar  der  Lazaristen,  dann  zu  einem
Musiker.  Bei  dem  Unterricht  im  Seminar,  welches  ihn  beim  Betreten
der  Schwelle  im  Andenken  an  das  Turiner  Hospiz  an  einen  Kerker
erinnerte 4 ),  wurde  es  offenbar,  dass  Rousseau  auf  keinem  andern
als  autodidaktischem  Wege  Lust  zum  Lernen  in  sich  zu  verspüren
vermochte,  und  dass  weder  die  Nothwendigkeit  lernen  zu  müssen
ihm  bekannt  noch  für  die  Gewöhnung,  vermöge  einer  willkürlichen
Aufmerksamkeit  dem  Geiste  die  Richtung  der  Worte  des  Lehrers  zu
geben,  irgend  welche  Fürsorge  getroffen  worden  war.  Bei  einem

*)  Charakteristisch  in  dieser  Beziehung  ist  der  Ausspruch  Rousseau’s  I.  p.  78:  Qnand  I’ardent
  desir  de  cette  vie  heureuse  et  douce  qui  me  fuit  et  pour  laquelle  j’etois  ne
vient  enflammer  mon  imagination  etc.  Die  „Neue  Heloise“  Rousseau’s  strebt  ein
solches  sinnlich-ideales  Leben  an;  ihre  Idee  beruht  auf  dem  genannten  Widerspruch. ­
  Vgl.  Schlosser,  Geschichte  des  18.  Jahrhunderts,  5.  Aufl.  II.  457.
2 )  I.  p.  63.
5 )  I.  p.  56.  Er  las  die  Henriade,  den  Spectateur  u.  A.
Rousseau  drückt  sich  eigentlich  noch  stärker  aus.  J’ailai,  sagt  er  I.  p.  60,  au  seminaire
  comine  j’aurois  ete  au  supplice.
            
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