J. J. Rousseau’s Leben.
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nicht gar zu sehr, falls das Streben nach solcher Glückseligkeit habituell
wird, ein verhimmelter und idealisirter sinnlicher Genuss ein
unerreichbares, weil in sich widersprechendes Ziel wäre, welches
für den darnach strebenden nur zu einer Quelle von Leiden wird! ‘).
In dem Verhältnisse Rousseau’s mit der Frau von Warens haben jene
Zwittergefühle, Verquickungen, Widersprüche und Leiden ihren Ursprung.
Der Umgang mit dieser Frau, bei welcher er Wohnung und Unterhalt
erhielt, war gleich Anfangs von der zärtlichsten Art, behielt jedoch
das ganze Jahr hindurch, welches er jetzt bei ihr zubrachte 3 )
eine unschuldige Gestalt, und Rousseau war dadurch, dass er einen
Gegenstand besass, der ihn bleibend fesselte, wenigstens vor irrem
Herumschweifen und ärgeren Ausschweifungen gesichert. Die Frau
von Warens, welche von weiblicher Zurückhaltung so weit emancipirt
war, um seine Zärtlichkeiten und Liebkosungen nicht unerwidert zu
lassen, sorgte dafür, dass das Band nicht gelockert würde, war aber
zugleich in Gedanken und in der That mit der Sorge um seine Zukunft
eifrig beschäftigt. Sie schickte ihn, nach dem er sich einige Zeit
aus eigenem Antriebe mit französischer Literatur 3 ) befasst hatte,
zuerst auf den Rath eines ihrer Verwandten, ihn zum Dorfpfarrer
ausbilden zu lassen, in das Seminar der Lazaristen, dann zu einem
Musiker. Bei dem Unterricht im Seminar, welches ihn beim Betreten
der Schwelle im Andenken an das Turiner Hospiz an einen Kerker
erinnerte 4 ), wurde es offenbar, dass Rousseau auf keinem andern
als autodidaktischem Wege Lust zum Lernen in sich zu verspüren
vermochte, und dass weder die Nothwendigkeit lernen zu müssen
ihm bekannt noch für die Gewöhnung, vermöge einer willkürlichen
Aufmerksamkeit dem Geiste die Richtung der Worte des Lehrers zu
geben, irgend welche Fürsorge getroffen worden war. Bei einem
*) Charakteristisch in dieser Beziehung ist der Ausspruch Rousseau’s I. p. 78: Qnand I’ardent
desir de cette vie heureuse et douce qui me fuit et pour laquelle j’etois ne
vient enflammer mon imagination etc. Die „Neue Heloise“ Rousseau’s strebt ein
solches sinnlich-ideales Leben an; ihre Idee beruht auf dem genannten Widerspruch.
Vgl. Schlosser, Geschichte des 18. Jahrhunderts, 5. Aufl. II. 457.
2 ) I. p. 63.
5 ) I. p. 56. Er las die Henriade, den Spectateur u. A.
Rousseau drückt sich eigentlich noch stärker aus. J’ailai, sagt er I. p. 60, au seminaire
comine j’aurois ete au supplice.