380
Vo S t
Befriedigung finden, eine immer grössere Stärke erlangen werden.
Indessen nicht in gewöhnlicher Weise sind diese Wünsche von Rousseau
gehegt und gepflegt worden. Es ist leicht zu sagen, das Band,
welches den etwa 18jährigen f) Jüngling an diese Frau fesselte,
seien ihre weiblichen Reize gewesen, und es ist ebenso unschwer
hinzuzufügen, es habe, wenn Rousseau die Frau von Warens in Ermangelung
eines natürlichen Ersatzes beständig „Mama“ nannte,
dieses Wort eben nur vermöge der grossen Selbsttäuschung Rousseau’s
auf die Länge der Zeit einen auch nur einigermassen natürlichen
Sinn behalten können, aber es wird dann leicht übersehen,
welche Bedeutung die eigenthiimliche Art, in welcher dieses Verhältniss
in Rousseau’s Geiste sich darstellte und entwickelte, für sein
ganzes Denken und Leben gewann. Die Auffassung dieses Verhältnisses
als eines mütterlichen kann Anfängs bei einem Unterschiede
von 12 Jahren gerade in diesen Lebensjahren und unter diesen
Umständen erklärlich erscheinen; Rousseau suchte jedoch, wie die an
diese Frau gerichteten und noch erhaltenen Briefe, vor Allem aber die
„Bekenntnisse“ beweisen, dieser Auffassung auch dann noch getreu
zu bleiben, als das Verhältniss längst nicht mehr diesen Namen verdiente.
Unerfahren und noch erziehungsbedürftig, wie er war, wurde
ihm die an Erfahrung überlegene und einen erziehenden Einfluss ausübende,
dabei aber doch noch mit jugendlichem Reize geschmückte
Frau zu einem Zwitterbild von Mutter und Geliebte. Die Geschlechtsliebe
wird verhimmelt, indem sie den Beischmack des Mütterlichen
und Heimathlichen erhält für den Obdachlosen und eine Quelle ist
eröffnet für die Charakterisirung der verschiedenen Nuancen einer
idealisirten Geschlechtsliebe, an welcher Rousseau so unerschöpflich
geworden ist 2 ). Wenn nur nicht die Verquickung von Ideal und Sinnlichkeit
das Bild einer erträumten Glückseligkeit wäre! Wenn nur
*) Über diese Zeitbestimmung 1 s. weiter unten.
3 ) Mit Beziehung auf die Frau von Warens sagt Rousseau I. p. i>3: Je connois un
autre sentiment, moins impetueux peut-etre, mais plus delicieux ntille fois, qui quelquefois
est joint a l’amour, ct qui souvent en est separe. Ce sentiment n’est pa.s non
plus Familie seule; il est plus voluptueux, plus tendre etc. Ungefähr ein Jahr
später machte er einen vergnüglichen Landausflug mit zwei jungen Mädchen und
er spricht mit „entzückender Erinnerung“ von den „so reinen und so wahren Freuden“
(des plaisir si purs et si vrais, I. p. 70) und bemerkt weiterhin (I. p. 71):
L'innocence des moeurs a sa volupte, qui vaut bien l'autre.