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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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v  o  s  t

Der  eiserne  Stoicismus,  mit  dem  sie  ihr  schweres  körperliches  Leiden
ertrug,  scheint  ihm  ebenso  imponirt,  wie  die  versteckten  Interessen
der  Bedientenwelt  einen  bleibenden,  aber  widrigen  Eindruck  in  ihm
zurückgelassen  zu  haben  *).  Rousseau  verliess  das  Haus  nach  dem
Tode  der  Gräfin  mit  dem  Vorwurfe  beladen,  durch  einen  Diebstahl,
den  er  begangen,  ein  braves  Mädchen,  welches  er  vor  dem  ganzen
Hause  desselben  beschuldigte,  unglücklich  gemacht  zu  haben 2 ).
Von  der  Lust,  die  nun  folgende  freie  über  einen  Monat  dauernde
Zeit  mit  tollen  Jugendstreichen  s)  auszufüllen,  hielt  ihn  die  Bekanntschaft ­
  mit  einem  jungen  Abbe,  Namens  Gaime,  zurück,  den  er  im
Hause  jener  Gräfin  kennen  gelernt  hatte  und  jetzt  häufig  besuchte.
Die  Gespräche  über  practische  Lebensweisheit  und  Religion,  welche
zu  einem  willkommenen  Unterricht  wurden,  hatten  ihn  so  tief  ergriffen ­
  und  blieben  so  lebhaft  in  seinem  Gedächtnisse,  dass  er  später,
als  er  seinen  „Emile“  schrieb,  bei  Abfassung  des  „Glaubensbekenntnisses ­
  des  savoischen  Vikars“  4 )  diesen  Unterricht  und  diesen  Mann
als  lebendigen  Hintergrund  sich  dachte 5 ).  Seine  Besuche  bei  diesem
Manne  wurden  auch  dann  noch  fortgesetzt,  als  er  mittlerweile  im
Hause  eines  Comte  de  Gouvon  zum  zweiten  Male  die  Stelle  eines
Lakaien  erhielt.  Die  fragmentarischen  Kenntnisse,  die  er  besass,  wur-*)
  Rousseau  sagt  a.  a.  0  :  Je  crois  que  j’eprouvai  des-lors  ce  jeu  malin  des  interets
Caches  qui  m'a  traverse  toute  ma  vie,  et  qui  m’a  donne  une  aversion  bien  naturelle
pour  l’ordre  apparent  qui  les  produit.
2 )  Der  Diebstahl  betraf  ein  „altes  Stückchen  Band  in  Rosenroth  und  Silber“  (I.p.42).
Rousseau’s  Gewissensbisse  darüber  sind  noch  im  Alter  so  gross,  dass  er  in  der  Erleichterung, ­
  die  ihm  dieses  Geständniss  macht,  sogar  ein  Motiv  für  die  Abfassung
der  Confessionen  erblickt.  I.  p.  43.  Je  puis  dire  que  la  desir  de  m’en  tlelivrer  en
quelque  sorte  a  beaucoup  contribue  a  la  resolution  que  j’ai  prise  d’ecrire  mes  confessions.
  Vgl.  die  Einleitung.
3 )  Einen  erzählt  Rousseau  im  Anfang  des  dritten  Buches.
*)  Siehe  Emile,  viertes  Buch.
5 )  I.  p.  4G:  L’on  congoit  dejä  que  l’honnete  M.  Gaime  est,  du  moins  en  grande
partie,  l'original  du  Vicaire  savoyard.  Ein  zweites  Vorbild  s.  unten.  Von  den
religiösen  Ansichten  Gaime’s  theilt  übrigens  Rousseau  hiebei  nichts  mit,  wohl
aber  einige  practische  Lebensregeln,  wie:  dass  es  ohne  Weisheit  kein  wahres  Glück
gebe,  dass  die  Herrschenden  nicht  weiser  noch  glücklicher  wären,  als  die  Beherrschten, ­
  dass,  wenn  Jedermann  in  den  Herzen  aller  andern  zu  lesen  vermöchte,
mehr  Menschen  abwärts  als  aufwärts  zu  steigen  wünschen  würden  (—  eine  Regel,
die  Rousseau  „während  seines  ganzen  Lebens  von  grossem  Nutzen  gewesen
sei“)  u.  A.
            
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