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Der eiserne Stoicismus, mit dem sie ihr schweres körperliches Leiden
ertrug, scheint ihm ebenso imponirt, wie die versteckten Interessen
der Bedientenwelt einen bleibenden, aber widrigen Eindruck in ihm
zurückgelassen zu haben *). Rousseau verliess das Haus nach dem
Tode der Gräfin mit dem Vorwurfe beladen, durch einen Diebstahl,
den er begangen, ein braves Mädchen, welches er vor dem ganzen
Hause desselben beschuldigte, unglücklich gemacht zu haben 2 ).
Von der Lust, die nun folgende freie über einen Monat dauernde
Zeit mit tollen Jugendstreichen s) auszufüllen, hielt ihn die Bekanntschaft
mit einem jungen Abbe, Namens Gaime, zurück, den er im
Hause jener Gräfin kennen gelernt hatte und jetzt häufig besuchte.
Die Gespräche über practische Lebensweisheit und Religion, welche
zu einem willkommenen Unterricht wurden, hatten ihn so tief ergriffen
und blieben so lebhaft in seinem Gedächtnisse, dass er später,
als er seinen „Emile“ schrieb, bei Abfassung des „Glaubensbekenntnisses
des savoischen Vikars“ 4 ) diesen Unterricht und diesen Mann
als lebendigen Hintergrund sich dachte 5 ). Seine Besuche bei diesem
Manne wurden auch dann noch fortgesetzt, als er mittlerweile im
Hause eines Comte de Gouvon zum zweiten Male die Stelle eines
Lakaien erhielt. Die fragmentarischen Kenntnisse, die er besass, wur-*)
Rousseau sagt a. a. 0 : Je crois que j’eprouvai des-lors ce jeu malin des interets
Caches qui m'a traverse toute ma vie, et qui m’a donne une aversion bien naturelle
pour l’ordre apparent qui les produit.
2 ) Der Diebstahl betraf ein „altes Stückchen Band in Rosenroth und Silber“ (I.p.42).
Rousseau’s Gewissensbisse darüber sind noch im Alter so gross, dass er in der Erleichterung,
die ihm dieses Geständniss macht, sogar ein Motiv für die Abfassung
der Confessionen erblickt. I. p. 43. Je puis dire que la desir de m’en tlelivrer en
quelque sorte a beaucoup contribue a la resolution que j’ai prise d’ecrire mes confessions.
Vgl. die Einleitung.
3 ) Einen erzählt Rousseau im Anfang des dritten Buches.
*) Siehe Emile, viertes Buch.
5 ) I. p. 4G: L’on congoit dejä que l’honnete M. Gaime est, du moins en grande
partie, l'original du Vicaire savoyard. Ein zweites Vorbild s. unten. Von den
religiösen Ansichten Gaime’s theilt übrigens Rousseau hiebei nichts mit, wohl
aber einige practische Lebensregeln, wie: dass es ohne Weisheit kein wahres Glück
gebe, dass die Herrschenden nicht weiser noch glücklicher wären, als die Beherrschten,
dass, wenn Jedermann in den Herzen aller andern zu lesen vermöchte,
mehr Menschen abwärts als aufwärts zu steigen wünschen würden (— eine Regel,
die Rousseau „während seines ganzen Lebens von grossem Nutzen gewesen
sei“) u. A.