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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau’s  Leben.

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zusetzen  wusste.  Der  bessern  Schulung  und  Routine  seines  Bekehrers
gelang  es,  den  jungen  Kämpfer  zu  besiegen  und  die  Vorbereitung  so
weit  zu  führen,  dass  er  die  Accessorien  der  Taufe  empfangen  konnte.
Mit  einem  kleinen  Taschengeld  und  der  Erinnerung  an  früher  ihm
unbekannte  sittenlose  Bräuche 1 )  yerliess  er  das  Hospiz,  um  die  Unabhängigkeit ­
  nach  diesem  klösterlich  abgeschiedenen  Lehen  mit  verdoppelter ­
  Freude  zu  geniessen.  Die  Einfachheit  des  Lehens,  mit  welcher ­
  der  Knabe  in  Genf  und  wohl  auch  im  elterlichen  Hause  vertraut
gemacht  worden  war,  begann  schon  jetzt  ihre  Wirkung  zu  äussern:
Rousseau  wusste  mit  wenigem  Haus  zu  halten  und  hatte  die  Vorsicht,
bei  seinen  Ausgaben,  „mehr  nach  seinem  Beutel  als  nach  seinem  Geschmack“ ­
  sich  zu  richten 3 ).  Das  war  um  so  nöthiger  als  seine  Fertigkeit ­
  im  Kupferstechen,  welche  es  ihm  möglich  machte,  die  Anfertigung ­
  von  Buchstaben  oder  Wappen  auf  Geräth  in  den  Kaufläden
von  Turin  anzutragen,  ihm  nur  wenig  Geld  eintrug,  und  das  Abenteuer
mit  einer  jungen  schönen  Kaufmannsfrau,  zu  welchem  das  Anbieten
seiner  Fertigkeit  denAnstoss  gab,  sammt  der  Unterstützung,  die  er  von
ihr  erfahren,  durch  die  Eifersucht  desGemals  mit  einer  unfreundlichen
Entfernung  desjungen  Galans  ein  frühes  Ende  fand 3 ).  Bald  darauf  wurde
er  Lakei  einer  gebildeten,  namentlich  in  der  französischen  Literatur
bewanderten  Gräfin,  und  sein  Hauptgeschäft  bestand  darin,  nach  ihrem
Dictate  zu  schreiben,  ein  Geschäft,  welches  drei  Monate  lang  währte  4 ).

D  Auf  das  Geschrei,  welches  Rousseau,  nachdem  er  von  einem  Convertiten  insultirt
worden  war,  erhob,  erhielt  nicht  dieser,  sondern  Rousseau  eine  Strafpredigt,  Der
Mann  mit  solchem  Takte  hatte  noch  die  Stirn  zu  sagen,  qu’il  n’y  avoit  de  quoi  s’irriter
  si  fort  pour  avoir  ete  trouve  aimable.  I.  p.  34.  Rousseau  hielt  sich  zwar,  wie
aus  einer  Bemerkung  im  vierten  Buche  (1.  p.  78)  hervorgeht,  „unverholen  und  unbedenklich“ ­
  zum  katholischen  Gottesdienste,  aber  er  sagt  uns  nicht,  ob  er  mit
aufrichtiger  Gesinnung  zur  katholischen  Kirche  übergetreten  sei,  sondern  bemerkt
im  Gegentheile,  er  sei  nach  dem  „Bedünken  der  Lehrer“  (au  gre  de  ines  maitres
1.  p.  34)  «1s  zur  Taufe  hinlänglich  vorbereitet  erachtet  worden.  So  wenigstens
urtheilt  —  und  vielleicht  nicht  unrichtig  —  Rousseau,  als  er  seine  Bekenntnisse
schrieb,  d.  h.  mehr  als  40  Jahre  nach  dieser  Bekehrung,  1.  p.  42.
2 )  I.  p.  36.  Von  der  Einfachheit  des  Lebens  im  elterlichen  Hause  spricht  Rousseau  im
ersten  Buche  der  Confess.  zwar  nicht,  aber  diese  Vermuthung  liegt  nahe,  hingegen
hebt  er  sie  als  eine  Eigenschaft  Lamberciers  ausdrücklich  hervor,  1.  p.  3.  Von  den
einfachen  Sitten  in  Genf,  weiche  Voltaire  durch  seinen  Einfluss  verderbe,  spricht
Rousseau  im  10-  Buche.  I.  p.  286.
3 )  1.  p.  36.
D  I.  |>.  41.
            
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