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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  .1.  Rousseau’«  Lehen.

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„platten  und  faden  Büchern“  seinen  geistigen  Durst  zu  löschen  und
als  die  Sammlung  durchstöbert  war,  wenigstens  in  der  Einsamkeit
die  Situationen,  in  welche  die  Lectüre  ihn  versetzt  hatte,  sieh  noch
einmal  zu  vergegenwärtigen  *).  Diese  Lesewuth  wurde  eine  neue
Quelle  von  Misshandlungen,  die  er  erfahren  musste.  Es  bedurfte  nur
noch  einer  Veranlassung,  um  die  Katastrophe  herbeizuführen.  Schon
zweimal  hatte  er  nach  seinen  Abendausgängen  die  Stadt  bei  verschlossenen ­
  Thoren  erreicht  und  da  er  bei  der  dritten  ebenso  späten
Ankunft  wusste,  welcher  Empfang  ihn  am  andern  Morgen  erwartete,
so  kehrte  er  gar  nicht  mehr  zurück  und  brach  mit  einer  Umgebung,
an  die  ihn  nichts  fesselte.  Diese  erste  selbständige  Handlung  fallt  in
sein  15.  Lebensjahr  2).
Es  kann  dem  Blicke  dessen,  der  diese  erste  und  wichtige  Periode
seines  Lebens  übersieht,  nicht  entgehen,  dass  mit  Ausnahme  des
zweijährigen  Aufenthalts  in  Bossey  es  Rousseau  an  einer  anhaltenden
und  für  ihn  geeigneten  Beschäftigung  und  Arbeit  fehlte.  Dieser
Mangel  verbunden  mit  der  von  einiger  Verzärtelung  s)  begleiteten
frühzeitigen  Einführung  in  eine  romanhafte  Welt,  welche  später  aus
eigenem  Antriebe  wieder  aufgesucht  wurde,  bewirkten  nicht  nur,
dass  der  Knabe  in  Spielereien  mit  dem  andern  Geschlechte  gerieth,
welche  um  ein  Jahrzehnt  verfrüht  waren,  sondern  sorgten  auch  dafür,
dass  ein  romanhaft-sinnlicher  Zug  in  ihm  zur  erworbenen  Anlage
wurde 4 ).  Aber  auch  zu  dem  Gedanken  treibt  jene  Übersicht  den

D  I.  p.  19  f.
2 )  I.  p.  20.  Wenn  sein  Genfer  Aufenthalt  (s.  oben)  drei  Jahre  dauerte,  so  währte  seine
Lehrzeit  ebenfalls  drei  Jahre.
8 )  Rousseau  gesteht  das  mit  einer  Einschränkung  zu.  I.  p.  4:  Les  enfans  des  rois  ne
sauroient  etre  soignes  avec  plus  de  zele  que  je  le  fus  durant  mes  premiers  ans  idolätre
  de  tout  ce  qui  m’entouroit,  et  toujours,  ce  qui  est  bien  plus  rare,  traite  en
enfant  eheri,  jamais  en  enfant  gate.
4)  Die  beiden  grössten  Werke  seines  reifen  Mannesalters  werden  das  später  beweisen.
Sie  sind  Romane.  Einen  näherliegenderen  Beweis  liefern  die  Confessions  selbst.  Der
romanhaft-sinnliche  Zug  ist  es,  welcher  den  „Bekenntnissen“  überhaupt  jenen,
prickelnden  Reiz  gibt,  der  zur  Verbreitung  des  Buches  so  wesentlich  beigetragen,
und  dafür  gibt  schon  das  erste  Buch,  welches  unserm  ersten  Capitel  entspricht,
Belege  genug  an  die  Hand.  Nicht  nur  das  Verhältniss  mit  den  zwei  Mädchen  in
Nyon  erfährt  eine  genaue  Beschreibung,  auch  der  Reiz,  den  die  30jährige  Lambercier
  auf  die  Empfindung  des  9jährigen  Knaben  ausgeübt,  wird  zu  schildern
nicht  vergessen,  ja  noch  mehr:  Rousseau  will  die  Urheber  seiner  Tage  dem  Leser
Sitzl,.  d.  phil.-hist.  01.  LXII1.  Bd.  III.  Hfl.  25
            
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