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Vogt
sehen Sinn“ nähren. Einen grossen Theil des Tages war er den
Händen einer Wärterin und einer Schwester seines Vaters anvertraut.
Letztere, welche eine „unglaubliche Menge Yon Liedern und Arien
wusste“, legte den Keim zu seiner Liebe zur Musik •). Indessen
muss die Aufsicht nicht unbedeutende Lücken gehabt haben. Daraus
wenigstens lässt es sich erklären, warum der Knabe nicht blos
schwatzhaft und näschig war, sondern sogar lügen und stehlen
konnte 2 ).
Ein Streit seines Vaters hatte zur Folge, dass dieser Genf verlassen
musste und der 8jährige s) Knabe nach Bossey zum Pfarrer
Lambercier in Pension gethan wurde, um zwei Jahre „Latein sammt
dem kleinen Zeug zu lernen, das man unter dem Namen Edueation
dazu rechnet“. Die Leitung Lambercier's und seiner 30jährigen
Schwester war keine sehr strenge. Der Unterricht wurde nicht vernachlässigt,
es wurden aber auch nicht übermässige Aufgaben gestellt 4 )
und für Spiele war der Raum gross genug. Wenn nicht im zweiten
Jahre ein Vergehen, dessen er verdächtig war, ihm eine sehr harte
1 ) Die Wärterin hiess Jacqueline, an welche ein vom 22. Juli 1761 datirter zärtlicher
Brief erhalten ist (Oeuvres IV p. 335) ; der Tarne, Namens Gonceru, zahlte
er zum Dank für die einstige Pflege eine Pension jährlicher 100 Fr. Siehe die
Briefe an D’Ivernois vom 29. Januar 1768 (IV. p. 707) und an Mad. Gonceru vom
9. Februar 1770 (IV. 790), und Musset-Pathay, Oeuvres compl. XIV. p. 8.
2 ) Wenn Rousseau trotz solcher Geständnisse sich für einen herzensguten Knaben
hält und wie selbstverständlich ausruft (I.p.4): Comment serois-je devenu meehant,
quand je n’avois sous les yeux que des exemples de douceur et autour de moi que
les meilleures gens du monde? — so ist diese Selbstbelügung eben eine Folge
jener Einbildung, welche ihm die eigene moralischeUnübertrefflicbkeit vorspiegelte.
S. oben die Einleitung. Rousseau sagt (I. p. 6.) •' Je crois que jamais individu de
notre espece n’eut naturellement moins de vanite que moi. Es mag ganz richtig
sein, dass Rousseau nicht eitel war, aber die Übertreibung, mit welcher dies ausgesprochen
wird, ist ebenfalls eine Folge der moralischen Einbildung.
8 ) Rousseau sagt (I. p. 7): Qui croiroit que ce chAtiment d'enfant, re$u A huit ans etc.
Es ist wohl möglich, dass der Knabe das achte Jahr schon vollendet hatte und somit
jene Angabe etwas knapp ist; denn dass er den Winter 1719 —1720 und vielleicht
einen grossen Theil des Sommers noch in Genf zubrachte, geht aus der bestimmten
Angabe hervor, dass (I. p. 3) mit Anfang des genannten Winters die
Lectüre von Bossuet, Plutarch u. s. w. begann.
4) I. p. 5.