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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

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Vogt

sehen  Sinn“  nähren.  Einen  grossen  Theil  des  Tages  war  er  den
Händen  einer  Wärterin  und  einer  Schwester  seines  Vaters  anvertraut.
Letztere,  welche  eine  „unglaubliche  Menge  Yon  Liedern  und  Arien
wusste“,  legte  den  Keim  zu  seiner  Liebe  zur  Musik  •).  Indessen
muss  die  Aufsicht  nicht  unbedeutende  Lücken  gehabt  haben.  Daraus
wenigstens  lässt  es  sich  erklären,  warum  der  Knabe  nicht  blos
schwatzhaft  und  näschig  war,  sondern  sogar  lügen  und  stehlen
konnte  2 ).
Ein  Streit  seines  Vaters  hatte  zur  Folge,  dass  dieser  Genf  verlassen ­
  musste  und  der  8jährige  s)  Knabe  nach  Bossey  zum  Pfarrer
Lambercier  in  Pension  gethan  wurde,  um  zwei  Jahre  „Latein  sammt
dem  kleinen  Zeug  zu  lernen,  das  man  unter  dem  Namen  Edueation
dazu  rechnet“.  Die  Leitung  Lambercier's  und  seiner  30jährigen
Schwester  war  keine  sehr  strenge.  Der  Unterricht  wurde  nicht  vernachlässigt, ­
  es  wurden  aber  auch  nicht  übermässige  Aufgaben  gestellt 4 )
und  für  Spiele  war  der  Raum  gross  genug.  Wenn  nicht  im  zweiten
Jahre  ein  Vergehen,  dessen  er  verdächtig  war,  ihm  eine  sehr  harte

1 )  Die  Wärterin  hiess  Jacqueline,  an  welche  ein  vom  22.  Juli  1761  datirter  zärtlicher ­
  Brief  erhalten  ist  (Oeuvres  IV  p.  335)  ;  der  Tarne,  Namens  Gonceru,  zahlte
er  zum  Dank  für  die  einstige  Pflege  eine  Pension  jährlicher  100  Fr.  Siehe  die
Briefe  an  D’Ivernois  vom  29.  Januar  1768  (IV.  p.  707)  und  an  Mad.  Gonceru  vom
9.  Februar  1770  (IV.  790),  und  Musset-Pathay,  Oeuvres  compl.  XIV.  p.  8.
2 )  Wenn  Rousseau  trotz  solcher  Geständnisse  sich  für  einen  herzensguten  Knaben
hält  und  wie  selbstverständlich  ausruft  (I.p.4):  Comment  serois-je  devenu  meehant,
quand  je  n’avois  sous  les  yeux  que  des  exemples  de  douceur  et  autour  de  moi  que
les  meilleures  gens  du  monde?  —  so  ist  diese  Selbstbelügung  eben  eine  Folge
jener  Einbildung,  welche  ihm  die  eigene  moralischeUnübertrefflicbkeit  vorspiegelte.
S.  oben  die  Einleitung.  Rousseau  sagt  (I.  p.  6.)  •'  Je  crois  que  jamais  individu  de
notre  espece  n’eut  naturellement  moins  de  vanite  que  moi.  Es  mag  ganz  richtig
sein,  dass  Rousseau  nicht  eitel  war,  aber  die  Übertreibung,  mit  welcher  dies  ausgesprochen ­
  wird,  ist  ebenfalls  eine  Folge  der  moralischen  Einbildung.
8 )  Rousseau  sagt  (I.  p.  7):  Qui  croiroit  que  ce  chAtiment  d'enfant,  re$u  A  huit  ans  etc.
Es  ist  wohl  möglich,  dass  der  Knabe  das  achte  Jahr  schon  vollendet  hatte  und  somit ­
  jene  Angabe  etwas  knapp  ist;  denn  dass  er  den  Winter  1719  —1720  und  vielleicht ­
  einen  grossen  Theil  des  Sommers  noch  in  Genf  zubrachte,  geht  aus  der  bestimmten ­
  Angabe  hervor,  dass  (I.  p.  3)  mit  Anfang  des  genannten  Winters  die
Lectüre  von  Bossuet,  Plutarch  u.  s.  w.  begann.
4)  I.  p.  5.
            
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