.1. J. Rousseau’« Lehen.
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war. Die mütterliche Bibliothek enthielt Romane , ausserdem
Schriften von Bossuet, Lesueur, Labruyere, Fontenelle, Moliere,
Ovid, Plutarch u. A. Romane waren das Mittel, durch welches der
Knabe sich im Lesen übte, Romane waren bis zum 7. Lebensjahre
die ausschliessliche Lectiire, welche der Vater des Abends, bisweilen
ganze Nächte mit dem Sohne theilte. Rousseau erzählt uns nicht,
was für Romane er gelesen habe, aber er sagt uns, dass die lebendige
Theilnahme, die er für seine Helden empfand, ihm verschrobene und
romanhafte Begriffe vom menschlichen Leben beibrachte und deutet
daraufhin, dass sich in ihm frühzeitig eine Reizbarkeit für mancherlei
Gefühlszustände entwickelte, für welche sein Vater, der gewiss nicht
mit pädagogischer Überlegung zu diesem Bildungsmittel griff, wegen
seiner eigenen Lage ein Correctiv herbeizuschaffen vergass x ). Vom
7. Lebensjare an kam dieLectüre der übrigen Schriften an die Reihe.
Plutarch fesselte ihn am meisten 3 ). Nicht blos die Lectüre dieser
Schriften und das Bekanntwerden mit Agesilaus, Brutus, Aristides,
sondern wohl noch mehr 3 ) die Gespräche mit seinem Vater darüber,
der Bürger einer Republik und dessen „stärkste Leidenschaft die
Liebe zum Vaterlande“ war, mochten in ihm den „freien republikani-1
) I. p. 3: Ces emotions eonfuses... me donnerent de la vie humaine des notions bizarres
et romanesques, dont l’experience et la reflexion n’ont jamais bien pu me
guerir. Rousseau hat doch viele Überlegungen angestellt über die Sache der Erziehung,
er billigt weiterhin (I. p. 4) die Behandlung nicht, die sein Bruder von
seinem Vater erfuhr, er hebt ferner selbst die nachtheilige Wirkung der Romanlectiire
hervor und nennt sogar (I. p. 7 und unten Anmerkung 13) seinen Vater
einen Mann, der das Vergnügen liebt: wenn er dennoch über die eigenthiimliche
Art, wie sein Vater ihn geistig beschäftigte, beredt zu schweigen versteift, so beweist
diese Rücksicht, dass sein Bestreben, die Wahrheit zu sagen, mit seiner natürlichen
Kindesliebe in Conflict gerathen ist.
2 ) Für Plutarch hat sich Rousseau ein dauerndes Interesse bewahrt. In der Quafrierne
promenade seiner „Reveries du promeneur solitaire“, Oeuvres I. p. 416 heisst es:
Hans le petit nombre de livres queje lis quelquefois encore, Plutarque est celui,
qui m’attache et me profite le plus. Ce fut la premiere lecture de mon enfance
(Rousseau sieht also ab von der Romanlectüre), ce sera la derniere de ma vieillesse:
c’est presque Ie seul auteur que je n’ai jamais lu sans en tirer quelque fruit. Und
noch im Jahre 1774, vier Jahre vor seinem Tode, sagt er bei Musse-Pathay,
Oeuvres inedits II. p. 40: .. Plutarque, de cet ecrivain qui a forme mon coeur et ma
raison, oü j’ai puise, en tout temps, ma plus saine nourriture.
3 ) Rousseau stellt beides in gleiche Reihe. Aber die Art, wie der Vater die Lectüre
aufnahm, gab derselben das lebendige Relief.