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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

.1.  J.  Rousseau’«  Lehen.

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war.  Die  mütterliche  Bibliothek  enthielt  Romane  ,  ausserdem
Schriften  von  Bossuet,  Lesueur,  Labruyere,  Fontenelle,  Moliere,
Ovid,  Plutarch  u.  A.  Romane  waren  das  Mittel,  durch  welches  der
Knabe  sich  im  Lesen  übte,  Romane  waren  bis  zum  7.  Lebensjahre
die  ausschliessliche  Lectiire,  welche  der  Vater  des  Abends,  bisweilen
ganze  Nächte  mit  dem  Sohne  theilte.  Rousseau  erzählt  uns  nicht,
was  für  Romane  er  gelesen  habe,  aber  er  sagt  uns,  dass  die  lebendige
Theilnahme,  die  er  für  seine  Helden  empfand,  ihm  verschrobene  und
romanhafte  Begriffe  vom  menschlichen  Leben  beibrachte  und  deutet
daraufhin,  dass  sich  in  ihm  frühzeitig  eine  Reizbarkeit  für  mancherlei
Gefühlszustände  entwickelte,  für  welche  sein  Vater,  der  gewiss  nicht
mit  pädagogischer  Überlegung  zu  diesem  Bildungsmittel  griff,  wegen
seiner  eigenen  Lage  ein  Correctiv  herbeizuschaffen  vergass  x ).  Vom
7.  Lebensjare  an  kam  dieLectüre  der  übrigen  Schriften  an  die  Reihe.
Plutarch  fesselte  ihn  am  meisten  3 ).  Nicht  blos  die  Lectüre  dieser
Schriften  und  das  Bekanntwerden  mit  Agesilaus,  Brutus,  Aristides,
sondern  wohl  noch  mehr  3 )  die  Gespräche  mit  seinem  Vater  darüber,
der  Bürger  einer  Republik  und  dessen  „stärkste  Leidenschaft  die
Liebe  zum  Vaterlande“  war,  mochten  in  ihm  den  „freien  republikani-1

 )  I.  p.  3:  Ces  emotions  eonfuses...  me  donnerent  de  la  vie  humaine  des  notions  bizarres ­
  et  romanesques,  dont  l’experience  et  la  reflexion  n’ont  jamais  bien  pu  me
guerir.  Rousseau  hat  doch  viele  Überlegungen  angestellt  über  die  Sache  der  Erziehung, ­
  er  billigt  weiterhin  (I.  p.  4)  die  Behandlung  nicht,  die  sein  Bruder  von
seinem  Vater  erfuhr,  er  hebt  ferner  selbst  die  nachtheilige  Wirkung  der  Romanlectiire
  hervor  und  nennt  sogar  (I.  p.  7  und  unten  Anmerkung  13)  seinen  Vater
einen  Mann,  der  das  Vergnügen  liebt:  wenn  er  dennoch  über  die  eigenthiimliche
Art,  wie  sein  Vater  ihn  geistig  beschäftigte,  beredt  zu  schweigen  versteift,  so  beweist ­
  diese  Rücksicht,  dass  sein  Bestreben,  die  Wahrheit  zu  sagen,  mit  seiner  natürlichen ­
  Kindesliebe  in  Conflict  gerathen  ist.
2 )  Für  Plutarch  hat  sich  Rousseau  ein  dauerndes  Interesse  bewahrt.  In  der  Quafrierne
promenade  seiner  „Reveries  du  promeneur  solitaire“,  Oeuvres  I.  p.  416  heisst  es:
Hans  le  petit  nombre  de  livres  queje  lis  quelquefois  encore,  Plutarque  est  celui,
qui  m’attache  et  me  profite  le  plus.  Ce  fut  la  premiere  lecture  de  mon  enfance
(Rousseau  sieht  also  ab  von  der  Romanlectüre),  ce  sera  la  derniere  de  ma  vieillesse:
c’est  presque  Ie  seul  auteur  que  je  n’ai  jamais  lu  sans  en  tirer  quelque  fruit.  Und
noch  im  Jahre  1774,  vier  Jahre  vor  seinem  Tode,  sagt  er  bei  Musse-Pathay,
Oeuvres  inedits  II.  p.  40:  ..  Plutarque,  de  cet  ecrivain  qui  a  forme  mon  coeur  et  ma
raison,  oü  j’ai  puise,  en  tout  temps,  ma  plus  saine  nourriture.
3 )  Rousseau  stellt  beides  in  gleiche  Reihe.  Aber  die  Art,  wie  der  Vater  die  Lectüre
aufnahm,  gab  derselben  das  lebendige  Relief.
            
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