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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

höchsten  Gott  und  in  der  festen  Überzeugung,  dass  von  allen  Menschen ­
  die  ich  in  meinem  Leben  kennen  gelernt  habe,  keiner  besser
war  als  ich“.
Mit  so  energischen  Worten  wird  sich  der  äussern,  dessen  festgewurzelte ­
  Meinung  von  der  eigenen  moralischen  Güte  eine  unliebsame ­
  Berührung  erfuhr.  Es  ist  möglich,  dass  das  Entstehen  dieser
Meinung  aus  plausiblen  Gründen  erklärlich  ist  und  dass,  wie  Rousseau ­
  selbst  andeutet,  die  „Gallenbitterkeit  und  der  Trübsinn,
welche  ihm  in  Paris  das  Herz  abnagten“,  zur  Entwicklung  derselben
wesentlich  beigetragen  *);  man  kann  willig  zugeben,  dass  die  Allgemeinheit ­
  des  Satzes,  mit  welchem  in  den  Bekenntnissen  die  eigene
moralische  Vortrefflichkeit  ausgesprochen  wird,  durch  die  Worte
„von  allen  Menschen,  die  ich  in  meinem  Leben  kennen  gelernt
habe“  eingeschränkt  wird  und  seine  Geltung  kein  grösseres  Gebiet
in  Anspruch  nehmen  kann,  als  das  irgend  eines  individuellen  Erfahrungssatzes ­
  ist;  man  kann  sogar  zugestehen,  was  schwer  zu  beweisen ­
  wäre,  dass  das  moralische  Gefühl  Rousseau's  besser  war  als  das
der  meisten  seiner  Zeitgenossen:  nichtsdestoweniger  werden  alle
diese  Umstände  das  Urtheil  nicht  zu  ändern  vermögen,  dass  diese
Rede  zu  missbilligen  sei.  Wer  in  einem  Athemzuge  wie  Rousseau
von  seinen  eigenen  Fehlern  und  Lastern  spricht  und  hinzusetzt,
keiner  sei  besser  wie  er,  der  kränkelt  an  der  moralischen  Einbildung,
welche  sieb  mitLiebean  der  eigenen  Vortrefflichkeit  weidet,  und,  was
schwerwiegender  ist,  er  trübt  sich  den  unbefangenen  Blick,  der  für
Abfassung  von  Bekenntnissen  unerlässlich  ist  und  wird  bestrebt  sein,
wo  möglich  alle  Handlungen  und  Eigenheiten  seiner  Persönlichkeit  zu
re  ob  (fertigen  3).

1 )  A.  a.  0.  Weniger  plausibel  dürfte  es  sein,  wenn  er  in  demselben  ersten  Briefe  an
Malesherbes  seinen  Unabhängigkeitssinn  ,  durch  welchen  er  bewogen  worden  sei,
den  Verkehr  mit  den  Pariser  Kreisen  abzubrechen,  auf  „Faulheit“  reducirt  und  die
letztere,  unbeschadet  dem  Ehrgeize,  für  welchen  er  empfänglich  sei  (Des  succes
continus  m  ont  rendus  sensible  ä  la  gloire)  und  welcher  doch  ein  Sporn  für  die
Thätigkeit  ist,  darin  sucht,  dass  sie  keinen  Zwang  ertragen  könne,  d.  h.  die
Faulheit  wiederum  auf  das  Streben  nach  Unabhängigkeit  zurückführt.
2 )  Es  wird  weiterhin  darauf  hingewiesen  werden,  wie  eng  diese  Einbildung  mit  seiner
(irundnnschauung  zusammenhängt  und  ein  Stück  seiner  Theorie  bildet.  Man  kann
nicht  sagen,  dass  seine  Offenheit  und  Aufrichtigkeit  gegen  sich  selbst  darunter  gelitten ­
  hätte.  Was  Rousseau  in  der  Quadrieme  promenade  seiner  „Reveries  du  promeneur
  solitaire“,  Oeuvres  I.  p.  4TI  sagt:  J’ai  souvent  dit  le  mal  dans  toute  sa
            
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