höchsten Gott und in der festen Überzeugung, dass von allen Menschen
die ich in meinem Leben kennen gelernt habe, keiner besser
war als ich“.
Mit so energischen Worten wird sich der äussern, dessen festgewurzelte
Meinung von der eigenen moralischen Güte eine unliebsame
Berührung erfuhr. Es ist möglich, dass das Entstehen dieser
Meinung aus plausiblen Gründen erklärlich ist und dass, wie Rousseau
selbst andeutet, die „Gallenbitterkeit und der Trübsinn,
welche ihm in Paris das Herz abnagten“, zur Entwicklung derselben
wesentlich beigetragen *); man kann willig zugeben, dass die Allgemeinheit
des Satzes, mit welchem in den Bekenntnissen die eigene
moralische Vortrefflichkeit ausgesprochen wird, durch die Worte
„von allen Menschen, die ich in meinem Leben kennen gelernt
habe“ eingeschränkt wird und seine Geltung kein grösseres Gebiet
in Anspruch nehmen kann, als das irgend eines individuellen Erfahrungssatzes
ist; man kann sogar zugestehen, was schwer zu beweisen
wäre, dass das moralische Gefühl Rousseau's besser war als das
der meisten seiner Zeitgenossen: nichtsdestoweniger werden alle
diese Umstände das Urtheil nicht zu ändern vermögen, dass diese
Rede zu missbilligen sei. Wer in einem Athemzuge wie Rousseau
von seinen eigenen Fehlern und Lastern spricht und hinzusetzt,
keiner sei besser wie er, der kränkelt an der moralischen Einbildung,
welche sieb mitLiebean der eigenen Vortrefflichkeit weidet, und, was
schwerwiegender ist, er trübt sich den unbefangenen Blick, der für
Abfassung von Bekenntnissen unerlässlich ist und wird bestrebt sein,
wo möglich alle Handlungen und Eigenheiten seiner Persönlichkeit zu
re ob (fertigen 3).
1 ) A. a. 0. Weniger plausibel dürfte es sein, wenn er in demselben ersten Briefe an
Malesherbes seinen Unabhängigkeitssinn , durch welchen er bewogen worden sei,
den Verkehr mit den Pariser Kreisen abzubrechen, auf „Faulheit“ reducirt und die
letztere, unbeschadet dem Ehrgeize, für welchen er empfänglich sei (Des succes
continus m ont rendus sensible ä la gloire) und welcher doch ein Sporn für die
Thätigkeit ist, darin sucht, dass sie keinen Zwang ertragen könne, d. h. die
Faulheit wiederum auf das Streben nach Unabhängigkeit zurückführt.
2 ) Es wird weiterhin darauf hingewiesen werden, wie eng diese Einbildung mit seiner
(irundnnschauung zusammenhängt und ein Stück seiner Theorie bildet. Man kann
nicht sagen, dass seine Offenheit und Aufrichtigkeit gegen sich selbst darunter gelitten
hätte. Was Rousseau in der Quadrieme promenade seiner „Reveries du promeneur
solitaire“, Oeuvres I. p. 4TI sagt: J’ai souvent dit le mal dans toute sa