J. J. Rousseau’s Leben.
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Aveiss, welches von täuschenden Farben freier ist: sie kann nicht
sich selbst vergessen, Avenn sie sich doch an sich selbst erinnern
muss. Es wird darum etAvas Undurchführbares bleiben, seines
Gleichen einen Menschen darzustellen „in der ganzen Wahrheit der
Natur“ >), wenn dieser Mensch das eigene Selbst ist.
Diesem Worte der Selbsttäuschung folgen noch andere in
Rousseau’s Einleitung zu den Bekenntnissen nach, Avelche seinen
Standpunkt gerade für die Darstellung von Bekenntnissen in ein ungünstiges
Licht zu stellen geeignet sind. „Ich bin, sagt er, nicht Avie
irgend einer von denen, Avelche ich kennen gelernt habe und ich Avage
zu glauben, dass ich überhaupt nicht Avie einer von denen hin, die da
sind. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich Avenigstens anders ....
Ich habe mein Inneres enthüllt, soAvie du es selbst gesehen hast,
eAviges Wesen. Versammle um mich die zahllose Menge meiner Mitmenschen;
sie mögen meine Bekenntnisse hören, sie mögen über
meine Unwürdigkeiten erröthen und über meine Erbärmlichkeiten
seufzen. Möge jeder von ihnen seinerseits am Fusse deines Thrones
mit derselben Aufrichtigkeit sein Herz aufdecken und möge dann ein
einziger, Avenn er es Avagt, zu dir sagen: ich war besser als dieser
Mensch“.
Sind diese Worte ein rechter Ausdruck für stolze Uberhebung
und sclnvächliehe Eitelkeit, dann müsste, abgesehen von den allgemeinen
Bedenken, Avelche gegen Confessionen überhaupt sprechen,
gleich von vornherein den Bekenntnissen Rousseau’s gegenüber
erklärt Averden, dass die Angaben derselben mit vergrösserter Behutsamkeit
aufzunehmen seien.
Der Benützung eines erweiterten, nicht ohne Willkür ange^
wandten Sprachgebrauchs wird es leicht, Jemanden der Eitelkeit zu
zeihen, demnach auch hinter jenen Worten Eitelkeit zu erblicken und
Eitelkeit als Avirksames Motiv für die Abfassung ihm unterzuschieben
2 ). Scheint es doch wirklich, als habe Rousseau, vielleicht durch
i ) Einleitung zu den Confessions: Oeuvres 1. p. 1: Je veuxmontrer a mes semblables
un homme dans tonte la verite de la nature, et cet homme, ce sera moi.
a ) Wer sieh mehr beilegt als er ist oder bat, ist „eingebildet“. Soweit reicht der
kleine Horizont der selbstgefälligen Bespiegelung des „Eitlen“ an sich nicht, wohl
aber beweist der „Geck“, dass sich beide Eigenschaften mit einander verbinden,
und, wenn mit recht grossen Lettern aufgetragen wird, zur Species des „Windbeutels“
auswaehsen können. Nach dem Sprachgebrauch scheint der Eitle alle diese
Tugenden büssen zu müssen.