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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 63. Band, (Jahrgang 1869)

J.  J.  Rousseau’s  Leben.

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Aveiss,  welches  von  täuschenden  Farben  freier  ist:  sie  kann  nicht
sich  selbst  vergessen,  Avenn  sie  sich  doch  an  sich  selbst  erinnern
muss.  Es  wird  darum  etAvas  Undurchführbares  bleiben,  seines
Gleichen  einen  Menschen  darzustellen  „in  der  ganzen  Wahrheit  der
Natur“  >),  wenn  dieser  Mensch  das  eigene  Selbst  ist.
Diesem  Worte  der  Selbsttäuschung  folgen  noch  andere  in
Rousseau’s  Einleitung  zu  den  Bekenntnissen  nach,  Avelche  seinen
Standpunkt  gerade  für  die  Darstellung  von  Bekenntnissen  in  ein  ungünstiges ­
  Licht  zu  stellen  geeignet  sind.  „Ich  bin,  sagt  er,  nicht  Avie
irgend  einer  von  denen,  Avelche  ich  kennen  gelernt  habe  und  ich  Avage
zu  glauben,  dass  ich  überhaupt  nicht  Avie  einer  von  denen  hin,  die  da
sind.  Wenn  ich  nicht  besser  bin,  so  bin  ich  Avenigstens  anders  ....
Ich  habe  mein  Inneres  enthüllt,  soAvie  du  es  selbst  gesehen  hast,
eAviges  Wesen.  Versammle  um  mich  die  zahllose  Menge  meiner  Mitmenschen; ­
  sie  mögen  meine  Bekenntnisse  hören,  sie  mögen  über
meine  Unwürdigkeiten  erröthen  und  über  meine  Erbärmlichkeiten
seufzen.  Möge  jeder  von  ihnen  seinerseits  am  Fusse  deines  Thrones
mit  derselben  Aufrichtigkeit  sein  Herz  aufdecken  und  möge  dann  ein
einziger,  Avenn  er  es  Avagt,  zu  dir  sagen:  ich  war  besser  als  dieser
Mensch“.
Sind  diese  Worte  ein  rechter  Ausdruck  für  stolze  Uberhebung
und  sclnvächliehe  Eitelkeit,  dann  müsste,  abgesehen  von  den  allgemeinen ­
  Bedenken,  Avelche  gegen  Confessionen  überhaupt  sprechen,
gleich  von  vornherein  den  Bekenntnissen  Rousseau’s  gegenüber
erklärt  Averden,  dass  die  Angaben  derselben  mit  vergrösserter  Behutsamkeit ­
  aufzunehmen  seien.
Der  Benützung  eines  erweiterten,  nicht  ohne  Willkür  ange^
wandten  Sprachgebrauchs  wird  es  leicht,  Jemanden  der  Eitelkeit  zu
zeihen,  demnach  auch  hinter  jenen  Worten  Eitelkeit  zu  erblicken  und
Eitelkeit  als  Avirksames  Motiv  für  die  Abfassung  ihm  unterzuschieben ­
  2 ).  Scheint  es  doch  wirklich,  als  habe  Rousseau,  vielleicht  durch
i )  Einleitung  zu  den  Confessions:  Oeuvres  1.  p.  1:  Je  veuxmontrer  a  mes  semblables
un  homme  dans  tonte  la  verite  de  la  nature,  et  cet  homme,  ce  sera  moi.
a )  Wer  sieh  mehr  beilegt  als  er  ist  oder  bat,  ist  „eingebildet“.  Soweit  reicht  der
kleine  Horizont  der  selbstgefälligen  Bespiegelung  des  „Eitlen“  an  sich  nicht,  wohl
aber  beweist  der  „Geck“,  dass  sich  beide  Eigenschaften  mit  einander  verbinden,
und,  wenn  mit  recht  grossen  Lettern  aufgetragen  wird,  zur  Species  des  „Windbeutels“ ­
  auswaehsen  können.  Nach  dem  Sprachgebrauch  scheint  der  Eitle  alle  diese
Tugenden  büssen  zu  müssen.
            
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