ISO
Müller
nach Exemplaren des Zigeunervolkes und war so glücklich, darunter
mehrere zu entdecken. Jedoch nicht alle waren gleich fähig, den
Fragen meines jungen Freundes Antwort zu stehen, da einige derselben
durch lange Abwesenheit von der Heimat die Sprache verlernt
hatten, andere wieder, obschon sie der Sprache noch mächtig waren,
von Märchen und Liedern nichts wussten.
Als der intelligenteste und gebildetste dieser Männer kann Sipos
Janos bezeichnet werden, Infanterist im Regimente Ramming, von
welchem die fünf Märchen und die Lieder 15—23 herrühren. Derselbe
sammt den übrigen, bis auf Vucetic, gehört den ungarischen
Zigeunern an, während der letztere, ein Kroate, den Dialekt der
serbisch-türkischen Zigeuner spricht.
Wie man sehen wird, ist der künstlerische Werth der Producte
der zigeunerischen Muse gleich oder vielleicht noch weniger als Null;
auch können sie zu nichts weniger als zur Erbauung keuscher und
unschuldiger Seelen dienen. Sie sind eben so nackt und unverschämt
wie der Zigeuner, der sie gedichtet hat. Eine rühmliche Ausnahme
macht der am Ende stehende Brief des zigeunerischen Musikanten
Rigo an seine Gattin; man wird viel Gemüth und Zärtlichkeit darin
entdecken.
Wenn die mitgetheilten Literaturstücke des in Ungarn lebenden
Romvölkchens die Sprachwissenschaft fördern sollten (und dies
glaube ich erwarten zu können, da sie nach einer einheitlichen Orthographie
niedergeschrieben und durchgehends mit Accenten versehen
sind), so muss dieses Verdienst vor allem meinem Freunde L. Fialowski
zugeschrieben werden, der mich durch seine Bemühungen in
den Stand gesetzt hat, diesen namhaften Beitrag dem linguistischen
Publicum anbieten zu können.