Wenzel’s von Luxemburg Wahl zum römischen Könige. 1376. 661
bewusst, unter welchen Verhältnissen er seihst das römische Königtum
erlangt, wie lange es gedauert, bis er die Einheit desselben
wieder hergestellt, und mit welchen kaum zu bewältigenden Schwierigkeiten
er zu kämpfen hatte, bis er neun Jahre nach der Capitulation
von Avignon und unter einem andern Pontificate das Kaiserthum
erlangte. Der Streit in Deutschland um das Königthum war freilich
beseitigt; wie denn aber, wenn der Papst den Gewählten nicht anerkannte,
ihm die Kaiserkrönung verweigerte und Wenzel nach dem
Vorgänge des eigenen Vaters Bedingungen setzte? Was konnte
Vater und Sohn Schlimmeres begegnen, als in dem Augenblicke, als
das Reich geeinigt war, ein kirchliches Zerwürfniss zu erfahren,
etwa die Ungiltigkeitserklärung der Stimme des Erzbischofs von
Mainz, oder ein Beharren auf den Concessionen Karl’s vom 22. April
1346, so weit dieses die veränderten Zeitumstände erlaubten?
Karl hatte die Absicht, selbst nach Avignon zu gehen und
durch mündliche Unterhandlungen P. Gregor XI. für seinen Lieblingsplan
zu gewinnen. Allein mehr wie je hielt ihn Ende März sein
gewohntes Leiden von der Reise ab, weshalb er seinen Caplan
Odolerius Rangonis nach Avignon sandte, dem Papste Kunde zu
geben von dem Beschlüsse des Churfürsten am 1. Juni die Wahl
Wenzel's vorzunehmen (Nürnberg, 30. März 1376). Aus der Antwort
des Papstes vom 4. Mai geht nun der merkwürdige Umstand
hervor, dass Karl die Angelegenheit schon^früher bei dem römischen
Stuhle angebracht, dieser aber die Wahl Wenzel's bei Lebzeiten
seines Vaters für so ungeeignet erachtet hatte, dass P- Gregor XI.
deshalb einen eigenen Nuntius, den Bischof Thomas, an den Kaiser
sandte und ihm gewisse Bedingungen vorlegte. Nur mit Mühe hatte
P. Gregor dazu die Zustimmung der Cardinäle erlangt, Karl aber
den Nuntius mit der Erklärung zurückgesandt, dass er einige der
ihm vorgelegten Capitel annehme und insbesondere dem Verlangen,
mit seinem Sohne nach Avignon zu gehen und dort die von ihm angenommenen
Bedingungen zu erfüllen, zu entsprechen gedenke. Dieses
sei aber nun nicht nur nicht geschehen, klagte jetzt der Papst, sondern
in dem kaiserlichen Schreiben, das der Caplan Odoleri dem Papste
überbrachte, von den bereits angenommenen Bedingungen Umgang
genommen worden. Der Papst forderte den Kaiser auf, mit der Wahlhandlung
nicht voranzugehen, sondern im Sommer nach Avignon zu
kommen: wenn es ihm aber aus Gesundheitsrücksichten nicht mög-