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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 60. Band, (Jahrgang 1868)

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Müller

im  entferntesten  erschöpft  ist,  daher  nach  ihnen  gar  nicht  richtig
beurtheilt  werden  kann,  und  hei  Darstellung  desselben  auch  noch
andere  Punkte  zur  Sprache  gebracht  werden  müssen,  so  will  ich  vor
der  Hand  von  jeder  fremden  Ansicht  absehen  und  die  von  mir  angestellten
  Untersuchungen  in  Kürze  vorzuführen  versuchen.
Gleichwie  dem  indogermanischen  Verbum  liegt  auch  dem  semitischen ­
  der  Gegensatz  der  vollendeten,  abgeschlossenen,  momentanen ­
  und  der  sich  entwickelnden,  eben  stattfindenden,  aus  einer
Reihe  von  einzelnen  Momenten  zusammengesetzten  Handlung  zu
Grunde.  Innerhalb  dieser  beiden  Gegensätze  (welche  sich  am  prägnantesten ­
  im  griechischen  Aorist-  und  Präsensstamme  begreifen  lassen) ­
  bewegt  sich  der  Verbalausdruck;  von  einer  Darstellung  der  Zeit
ist  in  demselben  nichts  enthalten.  Soll  letztere  näher  bezeichnet  werden, ­
  dann  bedarf  es  äusserer  Mittel,  welche,  wie  sich  zeigen  lässt,
erst  später  hinzugetreten  sind.  Während  aber  die  indogermanischen
Sprachen  dieselben  in  der  Form  von  Pronominalpartikeln  und  Hilfszeitwörtern ­
  dem  Körper  des  Verbalausdrucks  einverleiben,  und  also
die  Zeitbestimmung  innerhalb  des  Wortes  bezeichnen,  beschränken
sich  die  semitischen  Sprachen  darauf,  die  Bezeichnung  dieser  Accidentien
  dem  Satze,  dem  vollen  Ausdrucke  des  Gedankens,  zu  überweisen. ­
  In  beiden  Sprachfamilien  ist  ursprünglich  derselbe  Trieb
gelegen,  er  hat  sich  jedoch  in  beiden  ungleich  entwickelt  i).
Die  Kategorie,  auf  welche  beide  Sprachfamilien  die  Darstellung ­
  des  Verbalausdruckes  gründen,  ist  das  indifferente  Nominalthema. ­
  Natürlich  ist  an  demselben  von  allen  jenen  Bestimmungen,
welche  es  in  der  Periode  der  fertigen  Sprache  an  sich  trägt,  nichts
vorhanden.  Es  bezeichnet  nichts  anderes,  als  dass  die  im  Ausdrucke
der  Sprachwurzel  gelegene  Anschauung,  welche  dort  unbestimmt,
gleichsam  aus  der  Masse  sämmtlicher  Einzelanschauungen  abstrahirt
vorliegt,  als  etwas  Bestimmtes,  als  ein  dem  Geiste  des  Suhjectes
entgegentretendes  Object  aulgefasst  wird.
Der  Bau  dieses  indifferenten  Nominalthemas  bietet  genug  Raum
zum  Ausdrucke  des  oben  berührten  Gegensatzes  zwischen  vollendeter ­
  und  sich  entwickelnder  Handlung.  Auch  hierin  haben  die  indogermanischen ­
  Sprachen  im  Gegensätze  zu  den  semitischen  den  Vorzug ­
  grösserer  Mannigfaltigkeit  auf  ihrer  Seite.  Sie  besitzen  meh-1)

  Vergl.  Orient  und  Occident  III,  S.  327  ff.
            
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