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Müller
im entferntesten erschöpft ist, daher nach ihnen gar nicht richtig
beurtheilt werden kann, und hei Darstellung desselben auch noch
andere Punkte zur Sprache gebracht werden müssen, so will ich vor
der Hand von jeder fremden Ansicht absehen und die von mir angestellten
Untersuchungen in Kürze vorzuführen versuchen.
Gleichwie dem indogermanischen Verbum liegt auch dem semitischen
der Gegensatz der vollendeten, abgeschlossenen, momentanen
und der sich entwickelnden, eben stattfindenden, aus einer
Reihe von einzelnen Momenten zusammengesetzten Handlung zu
Grunde. Innerhalb dieser beiden Gegensätze (welche sich am prägnantesten
im griechischen Aorist- und Präsensstamme begreifen lassen)
bewegt sich der Verbalausdruck; von einer Darstellung der Zeit
ist in demselben nichts enthalten. Soll letztere näher bezeichnet werden,
dann bedarf es äusserer Mittel, welche, wie sich zeigen lässt,
erst später hinzugetreten sind. Während aber die indogermanischen
Sprachen dieselben in der Form von Pronominalpartikeln und Hilfszeitwörtern
dem Körper des Verbalausdrucks einverleiben, und also
die Zeitbestimmung innerhalb des Wortes bezeichnen, beschränken
sich die semitischen Sprachen darauf, die Bezeichnung dieser Accidentien
dem Satze, dem vollen Ausdrucke des Gedankens, zu überweisen.
In beiden Sprachfamilien ist ursprünglich derselbe Trieb
gelegen, er hat sich jedoch in beiden ungleich entwickelt i).
Die Kategorie, auf welche beide Sprachfamilien die Darstellung
des Verbalausdruckes gründen, ist das indifferente Nominalthema.
Natürlich ist an demselben von allen jenen Bestimmungen,
welche es in der Periode der fertigen Sprache an sich trägt, nichts
vorhanden. Es bezeichnet nichts anderes, als dass die im Ausdrucke
der Sprachwurzel gelegene Anschauung, welche dort unbestimmt,
gleichsam aus der Masse sämmtlicher Einzelanschauungen abstrahirt
vorliegt, als etwas Bestimmtes, als ein dem Geiste des Suhjectes
entgegentretendes Object aulgefasst wird.
Der Bau dieses indifferenten Nominalthemas bietet genug Raum
zum Ausdrucke des oben berührten Gegensatzes zwischen vollendeter
und sich entwickelnder Handlung. Auch hierin haben die indogermanischen
Sprachen im Gegensätze zu den semitischen den Vorzug
grösserer Mannigfaltigkeit auf ihrer Seite. Sie besitzen meh-1)
Vergl. Orient und Occident III, S. 327 ff.