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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 60. Band, (Jahrgang 1868)

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sehen  Prinzen  <)  auf  den  herzoglichen  Thron  von  Curland.  Kinsky  Hess
dem  Czaren  vorstellen,  dass  der  französische  Hof  nur  daran  denke,
durch  eine  Verbindung  mit  Russland  „Deutschland  zu  beunruhigen“.
Der  Gesandte  traute  dem  französischen  Gesandten  Campendon  die
schlimmsten  Dinge  zu  und  sah  im  Geiste  den  Herzog  von  Chartres
als  Schwiegersohn  des  Czaren,  als  König  von  Polen,  von  Schweden,  4
ja  als  Czaren  selbst.  Kinsky  erfuhr  selbst  durch  seine  russische
Quelle,  dass  Ragozy  dem  Sultan  gerathen,  den  Kaiser  jetzt  (1721)
nicht  anzugreifen,  sondern  erst,  wenn  derselbe  mit  andern  Mächten
in  Krieg  verwickelt  wäre.  Schon  hatte  damals  (1721)  der  König
von  Preussen  sieh  beeilt,  der  erste  zu  sein,  welcher  den  Czaren
als  Kaiser  anerkannte  und  dafür  die  Versicherung  erhielt,  der  Czar
werde  auch  der  erste  sein,  der  ihm  „einen  reprocirlichen  Dienst  erweisen ­
  wolle 2 )“.
Ende  December  ging  Kinsky  nach  Moskau,  wo  der  Czar  grosse
Lustbarkeiten  bereiten  Hess.  Der  Gesandte  hatte  befürchtet,  der  Czar
werde  zu  Gunsten  des  Herzogs  von  Holstein  den  Reichsboden  betreten,
um  den  König  von  Dänemark  zur  Abtretung  Schleswigs  zu  zwingen.
Er  besorgte,  Peter  werde  in  Moskau  die  älteste  Princessin  zur
Thronerbin  erklären.  Peter  besuchte  jedoch  in  Moskau  seine  Bojaren
und  Kaufleute,  „divertirte  sich  meist  mit  starken  Trinkern“  und  verlegte ­
  endlich  die  ganze  Kaufmannschaft  von  Archangel  nach  St.  Petersburg. ­
  Bereits  hatten  die  französischen  Intriguen  auch  die  Besorgnisse
des  Königs  von  Preussen  rege  gemacht  und  einen  Anschluss  des
preussischen  Gesandten  an  den  kaiserlichen  veranlasst.
Die  diplomatischen  Verhandlungen  waren  aber  desshalb  so
schwierig,  weil  der  Czar  die  wichtigsten  Angelegenheiten  in  sich  verschloss, ­
  erst  im  letzten  Augenblicke  seine  Meinung  zu  erkennen  gab
und  seinen  Ministern  nicht  mehr  vertraute,  als  er  absolut  ihnen  zu
erkennen  geben  wollte.  Die  Post  war  unsicher  und  ward  mehrmals
unterbrochen,  ein  meklenburgiseher  Gesandter  von  Räubern  angefallen ­
  und  geprügelt.  Der  kaiserliche  Gesandte  hatte  wiederholt
Feuersbrunst  auszuhalten.  Der  deutsche  Kaiser  musste  sehen,  wie
der  Kaisertitel  dem  Czaren  von  den  meisten  Mächten  gegeben,
von  Peter  ein  Manifest  erlassen  und  der  Titel  angenommen  wurde.

*)  Des  Sohnes  des  Herzogs  Philipp.
2 )  Bericht  vom  19.  December  1721.
            
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