Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 60. Band, (Jahrgang 1868)

166

Schroer

alter  Schauplatz  dieser  Art  sind  jene  Theile  der  österreichischen
Monarchie,  die  von  nichtdeutschen  Völkern  bewohnt  sind.  Die  arpadischen
  Könige  Ungarns  wussten  die  edle  Kraft  des  Deutschen  wol  zu
schätzen  und  haben  die  Siebenbürger  „Sachsen“,  die  „Sachsen“  der
ungrischen  Bergstädte  und  der  Zips  mit  Privilegien  begabt,  deren
Wirkung  und  Segen  in  Siebenbürgen  wol  zu  spüren  ist,  obwol  durch
die  gegenwärtige  Zeitströmung  bedroht,  während  die  ungrischen
Sachsen  ziemlich  verkommen  sind.  Keine  spätere  Regierung  hat  die
Bedeutung  der  deutschen  Ansiedelungen  mehr  so  gewürdigt  und
erkannt  wie  die  arpadischen  Könige;  aber  dies  hindert  nicht,  dass
der  Deutsche,  einem  unabweisbaren  Naturgesetze  folgend,  nach
und  nach  auf  allen  Puncten  der  Monarchie,  wo  es  etwas  zu  schaffen
gibt,  Fuss  fasst  und  mit  seiner  Thätigkeit  die  fremden  Gebiete  der
Civilisation  gewinnt.  Die  Gleichgültigkeit  Deutschlands  dieser  bedeutsamen ­
  Erscheinung  gegenüber  könnte  nicht  grösser  sein,  sie
geht  Hand  in  Hand  mit  dem  Mangel  an  nationalem  Selbstgefühl  und
politischem  Sinn  für  das  nationale  Interesse.  Nur  diesem  Umstand  ist
es  zuzusehreiben,  dass  man  in  Deutschland  im  allgemeinen  besser
unterrichtet  ist  über  die  Zustände  der  Rothhäute  in  America,  auch  für
ihre  Lage  sich  inniger  interessiert,  als  über  die  der  deutschen  Sporaden
in  der  österreichischen  Monarchie,  die  nicht  nur  grösser  an  Zahl  als

zu  vergrössern!  —  Ich  bewunderte  an  diesen  Äusserungen  eines  halbwilden
deutschen  Hinterwäldlers,  dessen  Stamm  seit  500  Jahren  von  Deutschland  losgetrennt ­
  ist,  wie  treu  die  deutsche  Natur  sich  denn  auch  hier  geblieben  ist!  Vollkommen ­
  bewusst  seiner  geistigen  und  körperlichen  Überlegenheit  schilderte  er
mir  noch  die  andern  Nationalitäten  und  wies  aus  ihren  Gewohnheiten  und  Überlieferungen ­
  treffend  nach:  warum  sie  neben  den  Deutschen  nicht  aufkommen
können.  Nicht  der  Unterricht,  nicht  der  allgemeine  Fortschritt  in  Deutschland,
nur  die  eingeborne  ideale  Triebkraft  hält  diese  Deutschen  noch  fort  und  fort.  —
Im  Sommer  1867  erzählte  mir  der  deutsche  evangelische  Pfarrer  von  Magyarbdl  in
der  Baranyer  Gespanschaft:  er  habe  jetzt  einen  Zuwachs  von  sieben  „Schwabengemeinden“, ­
  die  er  zu  besorgen  hat,  bekommen,  die  sich  diesen  Sommer  in  den
Urwäldern  Slavoniens,  anfangs  natürlich  obdachlos,  mit  Weib  und  Kind
niedergelassen  haben,  die  aber  ganz  vergnügt  und  der  Hoffnung  sind,  im  nächsten
Jahre  ebensoviele  stattliche  Dörfer  zu  bewohnen!  —  —  Solche  Thatsachen  aus
dem  Leben,  die  nur  eine  Wiederholung  sind  von  Erscheinungen,  die  seit  Jahrhunderten ­
  fort  und  fort  in  aller  Stille  und  immer  in  derselben  Richtung  auftreten,
müssen  im  Ganzen  und  im  Zusammenhang  betrachtet  werden;  erst  dann  werden
sie  in  ihrer  Bedeutung  erkannt  werden  und  die  Theilnahme  unserer  Vaterlandstreuude
  finden,  die  sie  verdienen.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.