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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 5. Band, (Jahrgang 1850)

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5.  Nachdem  er  auf  diese  Weise  den  phönicischen  Zeichenschatz ­
  verarbeitet  hat,  findet  er,  dass  derselbe  für  den  Lautreichthum
  seiner  Sprache  nicht  ausreiche.  Nun  erst  greift  er  zur  Ausfüllung ­
  der  Lücken  nach  dem  griechischen  Alphabet,  aber  er  verschmäht ­
  die  schonen  classischen  Formen  desselben,  er  wendet  sich
dem  griechischen  Uralphabete  zu  und  entlehnt  von  demselben  Formen, ­
  welche  uns  —  wenigstens  als  lapidarische  —  erst  in  neuester
Zeit  bekannt  geworden  sind  ‘).
6.  Gewisse  Formen  des  phönicischen  und  urgriecliischen  Alphabets ­
  finden  indessen  kein  Gefallen  vor  seinen  Augen  ,  er  verschmäht ­
  sie  gänzlich  und  holt  z.  B.  sein  m  und  p  aus  Indien  und  d
und  l  sogar  aus  Mittelamerika.
7.  Endlich  aber  verwirft  er  bei  der  Gruppirung  seiner  Zeichen ­
  das  phönicische  System,  aus  dem  er  doch  die  grosse  Mehrzahl ­
  seiner  Formen  gezogen  und  befolgt,  indem  er  das  Gleichartige
gruppenweise  zusammenstellt,  den  Grundgedanken  des  indischen,
welchem  er  noch  oben  drein  die  Benennung  seiner  Buchstaben
entlehnt.  —
Wenn  es  nun  auch  möglich,  ja  wahrscheinlich  ist,  dass  die
Handschriftenlehre  für  einige  der  hier  einschlägigen  Formen  das
Datum  bedeutend  heruntersetzen  werde,  so  hält  sich  dennoch  der
Verfasser  zu  der  Frage  berechtigt,  ob  der  beschriebene  Gang,  ganz
abgesehen  von  seinen  baroken  Seiten,  einem  Gelehrten  des  Mittelalters ­
  oder  selbst  des  vorigen  Jahrhunderts  überhaupt  nur  möglich
gewesen  wäre?  3 ).
Wer  nun  diese  Frage  verneint,  der  wird  wohl  gezwungen
sein,  in  dem  albanesischen  Alphabet  eine  ältere  Tochter  des  phonieischen
  und  eine  Schwester  des  urgriecliischen  anzuerkennen;  —

*)  So  wurden  bekanntlich  die  oft  erwähnten  Inschriften  von  Thera  erst  im
Jahre  1835  von  Herrn  Baron  von  Prokesch,  damals  k.  k.  Gesandten
in  Griechenland,  entdeckt.  Franz  S.  51.
3 )  Im  Laufe  seiner  Untersuchung  war  der  Verfasser  sogar  genöthigt,  seine
vorgefasste  Ansicht  von  der  Thätigkeit  eines  etwaigen  Simonides  mehr
und  mehr  zu  beschränken,  indem  die  Zahl  der  Zeichen  ,  an  welchen  er
dessen  Hand  zu  erkennen  glaubte,  durch  die  Auffindung  alter  Analogien
stets  kleiner  wurde;  1  —  e,  0  —  u,  x  dunkel  ch  und  w  —  w  sind  vielleicht ­
  durch  einen  solchen  Verbesserer  gebildet  oder  aufgenommen  worden ­
  —  aber  wann  ?

50  *
            
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