746
in alle Zweige des öffentlichen Lehens eingreifende die mannigfaltigtsen
Intressen umfassende Thätigkeit (sagt der Verfasser der
Lebensschreibung), eine Thätigkeit welche die gewöhmlichen Bedingungen
menschlichen Daseins fast zu überschreiten schien —
erweckte bei Jedem , der mit Mirabeau in näheren Verkehr trat,
immer neue Bewunderung.
„Können Sie es vielleicht besser als ich begreifen”, schrieb
Campe in den ersten Monaten der Revolution an einen Freund,
„wie Mirabeau es macht, wenn er, wie ich Augenzeuge davon war,
Tag für Tag, von Morgen bis tief in die Nacht hinein, in der
Nationalversammlung, oder in einem ihrer Bureaus arbeitet, bei
jeder nur einigermassen erheblichen Gelegenheit lange, mit höchstrhetorischer
Kunst ausgearbeitete und sogleich druckfähige Reden
hält, dabei in jeder freien Zwischenstunde entweder Besucher bei
sich aufnimmt oder selbst Besuche macht, später Nachtschmäusen
beiwohnt u. s. w. und bei dem allen noch obendrein wöchentlich
drei Hefte seines Courrier de Provence schreibt und drucken
lässt?” — Seine letzte merkwürdigste Arbeit war die nur in einigen
Puncten abgeänderte, dem Könige im December 1790 über
die Auflösung der Kammer und Revision der Verfassung, womit
der Minister der auswärtigen Geschäfte, Herr von Montmorin, in
den ersten Monaten des Jahres 1791 Herrn von Malouet bekannt
machte. Nach diesem Plane sollte der gesetzgebende Körper in
zwei Kammern getrennt, dem Könige das Recht sie zu vertagen
und aufzulössen, das absolute Veto, die Oberaufsicht über die
Dempartements- und Gemeindebehörden, die vollziehende Gewalt
im ganzen Umfange, jedoch mit verantwortlichen Ministern, die
Initiative der Gesetzgebung gemeinschaftlich eingeräumt werden.
Diese Denkschrift machte auf Malouet den günstigsten Eindruck.
„Dieser Mann,” sagte er zu Montmorin, „kann jeden Ton
anstimmen und eignet sich zu allen Rollen. Fenelon, Machiavell,
Rousse.au, der Abbe Maury — sie alle fänden in seiner Schrift ihre
Grundsätze, und doch herrscht Uebereinstimmung in seinen Ansichten.”
— „Leider !” fährt der Verfasser der Lebensbeschreibung
fort, „leider! liess sich Mirabeau durch das Misstrauen, das
ihm der Hof einflösste, zu Vorsichtsmassregeln verleiten, die nicht
der Sache, sondern nur seiner eigenen Person galten, und die ihn
in den Augen derer, die mit ihm verkehrten, uothwendig herabse-