740
fassung organisirt ist, werden wir bloss eine aus verschiedenen
schlecht verknüpften Ständen bestehende Gesellschaft, einen fast
aller geselligen Bande entbehrenden Volkshaufen bilden, dessen
einzelne Glieder nur ihren persönlichen Vortheil im Auge haben.”
Also nur das Band gemeinsamer Gesetzgebung und geregelter
Verfassung, welches die in ihren Mundarten sich einander nicht
verstehenden Bewohner der Bretagne und der Provence, den
Deutschen im Eisass, wie den Italiener in Corsica umschlingt, sind
die verschiedenen Völkerschaften zum grossen, mächtigen, einigen
französischen Reiche vereint.
Bis zur Eröffnung der Reichsstände am 5. Mai 1789 am selben
verhängnissvollen Tage, an welchem zwei und dreissig Jahre
hernach Napoleon starb, hatte sich Mirabeau zwischen den Parlamenten
und dem Hofe neutral gehalten; überzeugt, dass Frankreich
durch die Geographie zur Monarchie bestimmt ist, sprach er in
einem gewiegten Schreiben an Montmorin diese Ueberzeugung mit
der aus, dass es keine Schwierigkeiten gebe, als die man sich
selbst schafft, oder die aus der schrecklichen Krankheit aller Regierungen
entspringen, nie aus eigenem Antriebe heute
zu bewilligen, was ihnen morgen unfehlbar ab gerungen
wird. Der Zeitraum von nicht vollen zwei Jahren (den er
starb am 2. April 1791) der grössten politischen Thätigkeit Mirabeau’s
und seines grössten Glanzes als Redner beginnt von seiner
am obigen Tage der Eröffnung der Rcichsständc gehaltenen
Rede und zerfällt in zwei gleiche Hälften (jede fast von einem
Jahre) die erste, wo er ein Tribun der Revolution und ein Hebel
derselben die Monarchie, welche nach seiner Ueberzeugung doch
nur allein für Frankreich möglich, als Redner und Mitglied des
Clubbs der Jacobiner untergrub, in der zweiten Hälfte aber, seitdem
er vom Hofe erkauft war, das Ungewitter, das er grossen
Theils selbst hervorgerufen, wieder zu beschwören und das entzügelte
wilde Ross der Volksleidenschaften wieder in die gesetzliche
Bahn zurückzulenken versuchte, was ihm, wenn auch nicht zu
früher Tod seine Bestrebungen unterbrochen hätte, wohl nicht gelungen
wäre. Mirabeau, dessen Scharfblick und Voraussicht, wie
Herr Dr. Pipitz mit Recht sagt, in politischen Dingen kaum je
ihres gleichen fanden, der für sein Vaterland eine freie Verfassung,
für sich selber aber den Besitz der grössten mit einer solchen