737
nach Dresden und Braunschweig, und schrieb einmal an den in
letzter Stadt befindlichen Mauvillon: „Köpfen, wie den unsrigen
gewährt nur Abwechslung in den Studien Erholung” und diesem
Grundsätze treu, brachte er fast in jedem Briefe neue Gegenstände
oder neue Gesichtspuncte zur Besprechung. Er ermahnte diesen
seinen Freund in dem Werke über Deutschland, womit sie sich
gemeinschaftlich beschäftigten, den Tacituszum Vorbilde zu nehmen,
und die Sitten der Deutschen den Römern als Spiegel vorzuhalten.
„Es ist unbegreiflich, sagt seine damalige Geliebte, Fr. v. Nehra,
wie Mirabeau die Zeit zu benützen wusste, oft legte er sich
erst eine Stunde nach Mitternacht zu Bette, und setzte sich um
fünf Uhr Morgens wieder zur Arbeit, und zwar mitten im Winter
und noch dazu in einem so kalten Klima ohne ein anderes Kleidungsstück
als einen leichten Schlafrock ja sogar ohne seinen
Diener aufzuwecken, um sich von ihm Feuer anmachen zu lassen.
Abends, wenn er nicht in Gesellschaft ging, unterhielt er sich wie
ein Kind mit seinen Secretären; und Alle suchten einander um die
Wette Possen zu spielen.” Zu Paris las man seine Berichte (von
denen sich einige unter Calonne’s Papieren uneröffnet befunden haben
sollen) wegen der Neuigkeiten und Anekdoten nicht ungern,
legte denselben aber keine höhere politische Bedeutung bei, und
berücksichtigte keineswegs seine wiederholten Winke, ihm einen
diplomatischen Posten zu verleihen: „Ist es wirklich der Mühe
werth,” fragte er den Abbe von Perigord, „dass ich einem so untergeordneten
Zwecke wie der Neugierde meine Zeit, meine Neigungen,
meine Kräfte und mein Talent opfere?” Und nachdem er
sechs Monate in Berlin zugebracht, schrieb er au seine Committeuten:
„Mein Herz hat nicht gealtert und ist auch meine Begeisterung
etwas gedämpft, so ist sie doch nicht erloschen, ich betrachte
den Tag als einen der schönsten meines Lebens, an dem Sie mir
die Einberufung der Notablen melden.” Er hoffte zum Secretär
derselben ernannt zu werden.
Dass der Gedanke zur Berufung der Notablen von ihm ausgegaugen,
behauptet er in mehreren Briefen au Mauvillon bestimmt,
fügt aber hinzu, dass dem Minister (Calonne) das Verdienst des
zur Ausführung nöthigeu Muthes gebühre; wenn diese Angabe
richtig, so pflanzten Mirabeau und Calonne den ersten Keim aus
dem sich später eine Nationalversammlung entwickelte. Am 20.
42 *