Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 5. Band, (Jahrgang 1850)

585

Auf  die  Aeusserung  Kaiser  Josephs  zu  Friedrich  II.  bei  der
Zusammenkunft  zu  Neisse  ist  nicht  das  mindeste  Gewicht  zu
legen.  Joseph  II.  gab  oft  seltsamen  Gedanken  Raum,  die  an  Kaunitz ­
  einen  Gegner  oder  einen  Gleichgiltigen  fanden.  In  dieser  Beziehung ­
  erinnere  ich  an  den  Krieg  mit  den  Holländern  wegen  der
Scheldesperre,  den  Joseph  II.  ganz  gegen  den  Rath  des  F.  Kaunitz ­
  unternahm.  Wer  hat  endlich  die  Glaubwürdigkeit  jener
Aeusserung  verbürgt,  und  wer  angegeben,  in  welchem  Zusammenhang ­
  sie'mit  dem  Gegenstand  der  Unterredung  stand?
Die  Beschuldigung:  Oesterreich  habe  eine  selbstständige  Politik ­
  Deutschland  gegenüber  gehabt,  zerfällt,  wie  die  andere  vom
Sprachgebrauch:  „Oesterreich  und  diis  Reich”,  in  ein  albernes
Nichts,  wenn  man  sich  vergegenwärtigt,  dass  wie  Oesterreich,  so
jeder  andere  deutsche  Staat  gemeinsame  Reichs-und  specielle
  Landes  inte  ressen  zu  betreuen  und  zu  vertreten  hatte.
Die  letztem  schufen,  wie  begreiflich,  eine  besondere  selbstständige
Politik  überall,  da  nicht  jede  Angelegenheit  der  einzelnen  deutschen ­
  Länder  eine  Reichsangelegenheit  war,  oder  absichtlich  nicht
dazu  gemacht  wurde.  Dieses  Verhältniss  entsprang  aus  der  Getheiltheit
  Deutschlands  in  viele  einzelne  Länder  und  Regierungen
und  beruhte  auf  dem  uranfönglich  dagewesenen  Grund  einer  Stammesverschiedenheit ­
  der  deutschen  Völker,  welche  eine  Einheit
Deutschlands  nie  möglich  machen  wird.  Aus  diesem  Verhältnisse
ist  der  Sprachgebrauch  von  einem  Oesterreich  neben  dem  deutschen ­
  Reich  abzuleiten.  Er  ist  allen  deutschen  Ländern  gemein
gewesen,  und  musste  es  sein,  weil  jedes  speciell  sich  neben  allen
andern  unterschied.  Heutzutage  kann  man  in  Wirtemberg  sogar
noch  gedruckt  und  mündlich  hören:  Wirtemberg  und  das  Ausland, ­
  zur  Bezeichnung  eines  andern  deutschen  Landes,  wäre
es  auch  das  Nachbarland  Baden  oder  Baiern.
Wir  haben  noch  vor  kurzem  in  Wälsch  -  Tirol  und  in  Ungern ­
  erfahren,  welche  verderbliche  Wirkungen  geschichtliche  Irrthümer
  hervorzurufen  im  Stande  sind.  Das  Geschäft  ihrer  W  iderlegung ­
  kömmt  der  Wissenschaft  zu,  weil  nur  diese  und  ihre  Vertreter ­
  es  auszurichten  vermögen,  und  weil  auch  für  die  Wissenschaft: ­
  Salus  reipublicae  summa  lex  esto,  Gebot  und  Richtschnur
ist.  Diese  Ansicht,  verträglich  mit  den  Einrichtungen  jedes  W  issenschafts-Instituts,
  uud  gewiss  vorzugsweise  im  Einklang  mit  denen
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.