567
Um die Ausbreitung der tuskischen Bevölkerung in ununterbrochener
Folge von Gotthard bis Salzburg- zu erweisen und die
Rasener d. i. Etrusker überall zum herrschenden Volk machen zu
können, hat man Livius angeführt, der sagt: Tanta opibus Etruria
erat, utjam non terras solum, aed etiam, per totam Italiae longitudinem,abAlpibus
ad frelumSiculum, fama nominis suivmplesset.
Dass Livius in dieser Stelle nur von den Etruskern der Ebene und
keineswegs von denen der Alpen spricht, erhellt schon aus seiner
früher angeführten Bemerkung über die bis zum Verfall der Sprache
gediehenen Culturrüekschritte der letztem. Ab Alpibus ist übrigens
zu lesen a partibus Alpium, weil die Praeposition a eine Trennung
und Entfernung bedeutet. Desshalb würde diese Stelle auf
die Ausdehnung des Etruskergebiets über den ganzen Alpenumfang
bezogen sicher nicht richtig verstanden sein. Wird sie im Zusammenhänge
mit dem was vorhergeht und nachfolgt gelesen, so sieht man
deutlich, dass bloss von Hetrurien und nicht auch von Raetien die
Rede ist. Endlich bildeten die Alpen zu aller Zeit Italiens Gränzen.
In der hier oben angedeuteten gleichen Absicht behauptet
Herr Kink auch: „Keltische Ortsnamen finden sieh nur in Vinde-„licien.
In Tirol, im eigentlichen Raetien finden sie sich nirgends.’’
Das Unrichtige dieser Behauptung thun dar die Ortsnamen Cardaun,
in der Urform Cardunum bei Botzen, in dem selbst Graf
Giovanelli (Ara Dianae, S. 116. N.) das keltische Carodunum
wieder erkennt. Ebendort Carneid, Carerwald, Carersee, Campenn,
Campill, die, wüsste man die urkundliche Form, sich vermuthlich
ebenfalls als keltisch herausstellen würden, nachdem sie
um Cardaun getroffen werden. Das uralte Thaur, Hall, Aguntum,
Veldidena, Matreja, Barrodunum, Loncium und viele andere, die
bei Zeuss, der sie zusammengestellt hat, nachgesehen werden
können, sammt einigen unzweifelhaft keltischen Fluss- undGebirgsgedachtes
zur Klärung des über die Urgeschichte Tirols schwebenden
Dunkels zurück. Auch Herr Kink hat in seinen akademischen Vorlesungen
1. Th. S. 20, Roschmann wegen seiner mit Zeuss und Andern
übereinstimmenden Ansicht zu widerlegen versucht, aber, wie mich
dünkt, nicht mit Glück, und so, dass ich meine, er und ich hätten bei
den beiden Roschmann noch lange in die Schule zu gehen, um die Tiefe
ihrer Gründlichkeit zu erreichen.