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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 58. Band, (Jahrgang 1868)

Reichthum  und  Armuth  in  dem  alten  China.

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Lieu-tschin-tschang  wohnte  in  seiner  Jugend  in  Tan-tu.  Sein
Haus  war  äusserst  arm,  und  er  wob  Schuhe  aus  Schachtelhalm,  um
seine  Mutter  zu  ernähren.
Der  Garten  der  Gespräche  sagt:
Tse-sse  wohnte  in  Wei.  Er  trug  einen  hänfenen  Mantel  ohne
Futter.  In  zweimal  zehn  Tagen  ass  er  neunmal.
In  den  vermischten  Erzählungen  der  westlichen  Mutterstadt
wird  gesagt:
Sse-ma-siang-ju  begah  sich  anfänglich  mit  (seiner  Gattin)
Tschö-wen-kiün  nach  Tsching-tu.  Wen-kiün  war  arm  und  niedergeschlagen. ­
  Sie  ging  mit  dem  Pelze  von  Sü-schuang  •},  in  den  sie  gekleidet ­
  war,  zu  Yang-tschang,  einem  Menschen  des  Marktes,  und
erhandelte  dafür  Wein.  Hierauf  kam  man  überein,  nach  Tsching-tu
zurückzukehren  und  den  Wein  zu  verkaufen.  Siang-ju  legte  seihst
einen  Badegürtel  an  und  wusch  die  Gefässe.  Er  wollte  dadurch  (den
reichen  Schwiegervater)  Wang-sün  beschämen.
Das  Buch  Lie-tse  sagt:
In  Tsi  war  ein  Armer,  der  auf  dem  Markte  der  festen  Stadt
bettelte.  Er  trauerte  über  sein  Elend,  doch  Keiner  von  Allen  gab  ihm
etwas.  Er  begab  sich  hierauf  zu  dem  Stalle  des  Geschlechtes  Tien.
Er  schloss  sich  daselbst  an  die  Pferdeknechte,  verrichtete  Dienste
und  entlieh  Speise.  Die  Menschen  in  der  Vorstadt  verspotteten  ihn
und  sagten:  Schämst  du  dich  nicht,  dass  du  dich  den  Pferdeknechten
anschliessest  und  dich  auf  diese  Weise  ernährst?  —  Der  Bettler
sprach:  Unter  den  Dingen,  deren  man  sich  in  der  Welt  schämt,  geht
nichts  über  das  Betteln.  Zu  betteln  habe  ich  mich  gleichsam  nicht
geschämt,  warum  sollte  ich  mich  der  Pferdeknechte  schämen?
Dasselbe  Buch  Lie-tse  sagt:
Der  Mann  des  Geschlechtes  Kuo  von  Tsi  war  sehr  reich.  Der
Mann  des  Geschlechtes  Hiang  von  Sung  war  sehr  arm.  Dieser  begab
sich  von  Sung  nach  Tsi,  um  sich  über  die  Kunst  Rath  zu  erholen.
Der  Mann  des  Geschlechtes  Kuö  sagte  zu  ihm:  Ich  verstand  mich
gut  auf  das  Stehlen.  Als  ich  zu  stehlen  anfing,  hatte  ich  in  einem  Jahre
mir  zur  Stelle  geschafft.  Nach  zwei  Jahren  hatte  ich  zur  Genüge.
Nach  drei  Jahren  hatte  ich  grossen  Überfluss.  Seit  dieser  Zeit  ging

*)  Der  Vogel  Su-schuang,  eine  Art  Paradiesvogel.
            
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