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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 57. Band, (Jahrgang 1867)

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B  v  u  n  n  e  r

den  er  am  Saume  des  Kleides  halte,  bezeuge  *).  Dieser  erbietet  sich
hierauf,  durch  seinen  Eid  zu  beweisen,  dass  das  die  Wahrheit  sei,
und  legt  seine  Hand  auf  die  Heiligen  um  zu  schwören 2 ).
Nach  den  Assises  der  Haute  Cour  sollen  die  Zeugen,  nachdem
sie  einen  Vorsprecher  bekommen  haben,  ihn  instruiren,  was  er  in
ihrem  Namen  zu  sagen  habe,  nämlich  que  il  furent  ou  lene  et  en
la  place  ou  il  virent  tel  chose  faire  et  oir  ent  tel  cliose  dire;  et  dient
ä  qui  et  quei.  Hat  der  Vorspreeher  das  Zeugniss  im  Namen  der
Zeugen  gesprochen,  und  erklärt,  dass  sie  bereit  seien  darauf  hin  zu
thun,  was  rechte  Zeugen  thun  sollen,  ä  faire  ce  que  leaus  garem
deivent  faire,  so  fordert  sie  der  Richter  auf:  Tretet  vor  und  schwört,
dass  es  so  sei,  wie  euer  Vorsprecher  für  euch  gesagt  hafs).
Die  Usage  de  Borgoigne 4 ),  nach  welchen  der  Zeuge  sein  Wort
selbst  spricht,  lieben  ausdrücklich  hervor,  dass  derjenige  nicht  zum
Eide  zuzulassen  sei,  der  da  sagt:  Jeporte  tesmoins  de  ce  que  ciz  ha
dit  und  zwar  desshalb  weil  er  hätte  sagen  sollen:  Je  fui  el  leu  que
ie  vi  ce  et  oir  (oi)  et  oir  recognoistre  oder  Je  vi  et  oi  que  ce  fu
ensi  et  en  ferai  que  loials  tesmoins 5 ).

*)  il  (der  Kläger)  venra  et  amenra  sen  tesmoing  et  le  tenra  li  avocas  par  le  pan  du
sercot.  Pan:  la  partie  de  l'habit  qui  couvre  le  cöte  depuis  la  ceinture  jusqu’en  bas.
Du  Cange  VII,  251.
2 )  Du  Cange  II,  68\
3 )  Jeand’lbelin  cb.  77.
*)  A.  Cout.  de  Bourg.  (ed.  Marnier)  ch.  2.
6 )  Während  der  Eidhelfer,  der  sich  nicht  ungerufen  zur  Eidhilfe  anschickt,  fällt,  ist
es  mitunter  ein  Verwerfungsgrund,  wenn  ein  Zeuge  mit  der  Aussage  vortritt,  ehe
er  zum  Zeugniss  aufgerufen  wurde.  Durch  Ludwigs  IX.  Beweisreformen  wurde  die
Ablegung  des  Zeugnisses  zur  öffentlichen  Pflicht,  der  Zeuge  konnte  zum  Zeugniss
gezwungen  werden,  was  früher  in  keiner  Weise  der  Fall  war.  Mit  dem  Zeugenzwang ­
  und  dem  inquisitorischen  Charakter  des  neuen  Zeugenbeweises  war  es
unverträglich,  dass  Zeugen  im  Worte  fehlen  konnten.  Auf  dem  Gegensätze  des
modernen  Verfahrens  zum  überwundenen  Standpunkte  des  alten  Rechts  scheint  mir
folgende  Stelle  aus  den  Anciennes  Coutumes  de  Ponthieu  et  de  Vimeu  (Marnier
Cout.  de  Picardie  123,  X)  zu  beruhen.  Se  aucuns  tesmoins  dit  volagement  aucune
cose  anchois  qu’il  en  soit  appelles  en  cause  de  tesmongnage,  pour  che  n’est  il  mie
a  repeller.  Denn  wäre  dem  so,  so  könnten  zwei  Personen,  auf  deren  Zeugniss  ich
ausschliesslich  angewiesen  bin,  aus  Hass  gegen  mich  durch  vorzeitiges  Deponieren
mich  beweislos  machen.  Nach  älterem  Rechte  konnte  überhaupt  keine  Rede  davon
sein,  durch  Zeugen  beweisen  zu  wollen,  qui  me  hayoient;  denn  es  gab  keinen
Zeugenzwang.
            
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