732
B v u n n e r
den er am Saume des Kleides halte, bezeuge *). Dieser erbietet sich
hierauf, durch seinen Eid zu beweisen, dass das die Wahrheit sei,
und legt seine Hand auf die Heiligen um zu schwören 2 ).
Nach den Assises der Haute Cour sollen die Zeugen, nachdem
sie einen Vorsprecher bekommen haben, ihn instruiren, was er in
ihrem Namen zu sagen habe, nämlich que il furent ou lene et en
la place ou il virent tel chose faire et oir ent tel cliose dire; et dient
ä qui et quei. Hat der Vorspreeher das Zeugniss im Namen der
Zeugen gesprochen, und erklärt, dass sie bereit seien darauf hin zu
thun, was rechte Zeugen thun sollen, ä faire ce que leaus garem
deivent faire, so fordert sie der Richter auf: Tretet vor und schwört,
dass es so sei, wie euer Vorsprecher für euch gesagt hafs).
Die Usage de Borgoigne 4 ), nach welchen der Zeuge sein Wort
selbst spricht, lieben ausdrücklich hervor, dass derjenige nicht zum
Eide zuzulassen sei, der da sagt: Jeporte tesmoins de ce que ciz ha
dit und zwar desshalb weil er hätte sagen sollen: Je fui el leu que
ie vi ce et oir (oi) et oir recognoistre oder Je vi et oi que ce fu
ensi et en ferai que loials tesmoins 5 ).
*) il (der Kläger) venra et amenra sen tesmoing et le tenra li avocas par le pan du
sercot. Pan: la partie de l'habit qui couvre le cöte depuis la ceinture jusqu’en bas.
Du Cange VII, 251.
2 ) Du Cange II, 68\
3 ) Jeand’lbelin cb. 77.
*) A. Cout. de Bourg. (ed. Marnier) ch. 2.
6 ) Während der Eidhelfer, der sich nicht ungerufen zur Eidhilfe anschickt, fällt, ist
es mitunter ein Verwerfungsgrund, wenn ein Zeuge mit der Aussage vortritt, ehe
er zum Zeugniss aufgerufen wurde. Durch Ludwigs IX. Beweisreformen wurde die
Ablegung des Zeugnisses zur öffentlichen Pflicht, der Zeuge konnte zum Zeugniss
gezwungen werden, was früher in keiner Weise der Fall war. Mit dem Zeugenzwang
und dem inquisitorischen Charakter des neuen Zeugenbeweises war es
unverträglich, dass Zeugen im Worte fehlen konnten. Auf dem Gegensätze des
modernen Verfahrens zum überwundenen Standpunkte des alten Rechts scheint mir
folgende Stelle aus den Anciennes Coutumes de Ponthieu et de Vimeu (Marnier
Cout. de Picardie 123, X) zu beruhen. Se aucuns tesmoins dit volagement aucune
cose anchois qu’il en soit appelles en cause de tesmongnage, pour che n’est il mie
a repeller. Denn wäre dem so, so könnten zwei Personen, auf deren Zeugniss ich
ausschliesslich angewiesen bin, aus Hass gegen mich durch vorzeitiges Deponieren
mich beweislos machen. Nach älterem Rechte konnte überhaupt keine Rede davon
sein, durch Zeugen beweisen zu wollen, qui me hayoient; denn es gab keinen
Zeugenzwang.