Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 56. Band, (Jahrgang 1867)

Roswitha  und  Conrad  Celtes.

25
wählt  habe  <),  wo  ein  sittsamer  Knabe  allen  Verführungen  und  Drohungen ­
  des  Päderasten  widerstanden  und  endlich  selbst  lieber  den
Tod  erlitten,  als  dass  er  vom  Wege  der  Tugend  gewichen;
oder  wo  keusche  Jungfrauen  ungeachtet  aller  Verfolgungen  und
Martern  bis  in  den  Tod  ihre  Unschuld  bewahrten;  oder  wo  fromme
Einsiedler  in  öffentliche  Frauenhäuser  sich  begaben,  um  dort  die  Gefallenen ­
  aufzusuchen  und  sie  zur  Tugend  und  Frömmigkeit  zurückzuführen. ­

Es  waren  die  italienischen  Humanisten  im  fünfzehnten  Jahrhunderte ­
  —•  dann  aber  auch  nach  ihrem  Vorgänge  die  deutschen  —
welche  ihre  anstössigen  und  schlüpferigen  Dichtungen  mit  der  sittlichen ­
  Tendenz,  welche  in  den  poetischen  Productionen  liege,  und
mit  dem  Wesen  der  wahren  Poesie,  welche  das  Leben  schildere,
wie  es  in  Wirklichkeit  vorkomme,  entschuldigten  und  vertheidigten
 a ).  Von  dieser  Richtung  war  Conrad  Celtes  in  Deutschland  der
Repräsentant,  der  sie  bis  an  die  äusserste  Grenze  des  kaum  Erlaubten ­
  verfolgte  s).
Wenn  zwar  zugestanden  werden  muss,  dass  die  Form,  die
Sprache  und  der  Geist  in  den  Roswüthaschen  Dichtungen  offenbar  einem
und  demselben  Zeitalter  angeboren,  so  wird  man  doch  nicht  verkennen ­
  ,  dass  der  Wertli  der  einzelnen  Stücke  ein  verschiedener  in  der
Art  ist,  dass  dieselben  w'ohl  verschiedenen  Verfassern  zugeschrieben
werden  könnten.  Man  hat  diese  Unterschiede  bisher  gewöhnlich  dadurch ­
  zu  erklären  gesucht,  dass  man  die  Dichterin,  als  in  fortschreitender ­
  Vervollkommnung  auffasst.  Benedixen  macht  über  die
Aufeinanderfolge  der  einzelnen  Dramen  die  Bemerkung,  „dass  die  in
den  letzten  derselben  in  auffallender  Weise  hervortretende  Gelehr-Es

  ist  wohl  begreiflich,  wie  Scherr,  Gesch.  deutscher  Cultur  und  Sitte  S.  83,  den
sittlichen  Charakter  der  Roswitha  verdächtigen  konnte:  Barack,  a.  a.  0.  S.  VII,
hätte  sich  darüber  nicht  so  sehr  ereifern  sollen.
2 )  Celtes  sucht  wegen  seiner  unzüchtigen  Liebeslieder  und  Schilderungen  schlüpfriger ­
  Situationen  in  der  Praefatio  zu  den  libris  Amorum  sich  zu  rechtfertigen,
dass  er  Carmina  quae  castas  innocentum  adolescentum  aures  laedant  et  inebrient
gedichtet  habe.  Er  fährt  dann  weiter  fort:  Fatebimur  equidem  ingenue  et  illis
(obtrectatoribus)  non  aliud  quam  quod  in  praefationc  sua  in  comoedias  Hrosuita
nostra  poeta  Saxonica  obtrectatoribus  suis  dederat,  respondebimus.
3 )  Schlosser,  Neuere  Geschichte,  I.  S.  137  tadelt  deshalb  den  Celtes  als  einen
schamlosen  und  frechen  Dichter  mit  scharfen  Worten.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.