Findlinge. 609
Bozen verweilen musste, sandte ihm eine Frau vier Büchlein, dass
er sich die Zeit damit verkürzen möchte <).
Die Namen aus der deutschen Heldensage und den Rittergedicliten,
die mit besonderer Vorliebe Kindern im 13., 14. und
IS. Jahrhunderte beigelegt wurden, zeigen, wie tief die Liebe für
unsere Dichtung und Sage damals in's Leben gedrungen war 2 ).
Dasselbe bestätigen uns die Bibliotheken, welche von den Vintlern
und Annabergern angelegt wurden, und der Umstand, dass man Säle
und Gemächer mit Darstellungen aus Gedichten, wie: Tristan,
Garei, Laurin schmückte, wie dies in Runkelstein s) und Lichtenberg
4 ) der Fall war. Aus all diesem lässt sich schliessen, dass damals
in Tirol viele Handschriften gefertigt 5 ) und der Nachwelt überliefert
wurden — und man sollte noch zur Hoffnung einer reichen Nachlese
sich berechtigt glauben. Allein die'Beute ist selbst bei der eifrigsten
Jagd sehr gering, denn im 16. und 17. Jahrhunderte, wo das Verständnis
älterer Dichtungen verschwunden war, schnitt man die
des deutschen Ordens in Tirol p. 27. J. Ladurner, die Edlen v. Tauvers p. 85.
Ein anderer Tiroler Schriftsteller, der bisher in seiner Heimat unbekannt blieb, ist
der Mystiker „Bruder Herman von Lienz“. Deutsche Handschriften der Münchner
Hofbibliothek Nr. 411.
*) Der bote sprach : „her, diu vrowe min
hat iu gesant vier büechelin,
daz ir die wll da kürzet mite,
si giht ez si guot ritters site,
die gerne hoeren bi ir tagen
singen, lesen unde sagen,
waz hie vor die biderben man
durch werde vrowen habent getAn. Frauendienst, p. 112.
2 ) Vgl. meinen Aufsatz: Die Personennamen Tirols in Beziehung auf deutsche Sage
und Literaturgeschichte. Germania 1,290. Reiche Nachträge dazu aus Urkunden
und Urbarien hoffe ich bald veröffentlichen zu können.
3 ) Ruukelstein und seine Fresken. Innsbruck 1857. Germania II, 467.
4) Haupt, Zeitschrift XII, 425.
6 ) So wissen wir, dass Niklaus der Vintler den Schreiber Hainz Sentlinger aus
München hielt. Im 14 und 15. Jahrhundert waren die Mönche des im J. 1326
gegründeten Karthäuserklosters Allerengeisberg in Schnals als Übersetzer und
Abschreiber erbaulicher Werke sehr thätig. — Die Itidegger Handschrift des
Partonopier und Meliur wurde 1471 zu Hall in Tirol (Germania XII, 3), das
Heldenbuch der Ambraser Sammlung zu Bozen 1504—1517 geschrieben. Tirol.
Archiv I. 100. Germania IX, 381. Viele Handschriften aus Tirol scheinen sich in
den Bibliotheken zu Berlin, München und Wien zu befinden.