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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 55. Band, (Jahrgang 1867)

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B  o  n  i  t  z

iv.  Wenigstens  erklärt  er  sich  in  der  Politik  auf  das  Bestimmteste
dahin,  dass  zunächst  der  jza^rinxög,  der  Mensch  mit  einer  dauernden
Disposition,  mit  einem  festgewurzelten  Hange  zu  einem  gewissen  Affecte,
also,  um  bei  der  Tragödie  zu  bleiben,  der  Mitleidige  und  Furchtsame
(ihv/jj.uv  xod  (poßr l zi'/.6g)  durch  die  Katharsis  ein  Mittel  erhalten  soll,
seinen  „Hang“  in  unschädlicher  Weise  zu  befriedigen.  Sobald  nun  aber
xa$y[xäTuv  in  diesem  Sinne  gefasst  wird,  ergibt  sich  die  vollkommenste ­
  Einhelligkeit  zwischen  der  Definition  und  den  Andeutungen  in
der  Politik  auch  hinsichtlich  des  eigentlichen  Objectes  der  Katharsis“.
Bemerkenswerth  ist  in  dieser  Erklärung  von  Bernays  das  unscheinbar
versteckte  Wörtchen  „zunächst“,  durch  welches  unverkennbar  dem
weiteren  Inhalte  der  Sätze  in  der  Politik  Rechnung  getrageji  werden
soll,  und  doch  in  der  That  nicht  wirklich  Rechnung  getragen  wird,  da
dem  „zunächst“  bei  Bernays  nichts  weiter  folgt,  wohl  aber  bei  Aristoteles. ­
  Denn  die  kathartische  Wirkung  gewisser  Gesänge  trifft  nach  Aristoteles ­
  allerdings  'die  Mitleidigen  und  Furchtsamen  und  überhaupt
alle,  die  zu  einem  bestimmten  Affecte  disponirt  sind’;  aber  Aristoteles
beschränkt  die  kathartische  Wirkung  keineswegs  auf  diese  Classe
von  Menschen,  sondern  setzt  sofort  hinzu,  sie  trifft  'alle  übrigen
(r  ovg  äXXovg'),  insoweit  etwas  von  diesen  Affecten  auf  eines  jeden
Theil  kommt;  für  alle  muss  es  irgend  eine  Katharsis  geben  und  sie
unter  Lustgefühl  erleichtert  werden.  In  gleicher  Weise  nun  wie
andere  Mittel  der  Katharsis  bereiten  auch  die  kathartischen  Lieder
den  Menschen  eine  unschädliche  Freude’.  Und  ebenso  spricht
Aristoteles  unmittelbar  vorher  aus,  dass  'Affecte,  die  in  einigen  Gemütbern ­
  heftig  auftreten,  in  allen  vorhanden  sind  und  der  Unterschied
nur  in  dem  Mehr  oder  Weniger  bestellt’,  und  als  Beispiel  von  Affecten,' ­
  die  sieb  hei  allen  Menschen  finden,  wenngleich  in  gradueller
Verschiedenheit,  führt  er  eben  Mitleid  und  Furcht  an.  Die  Stelle  der
Politik  gibt  also  nicht  nur  keinen  Anlass,  die  Wirkung  der  Tragödie
auf  eine  bestimmte  Classe  der  Gemüther  zu  beschränken  < 7 ),  nämlich
auf  solche,  die  mit  einem  'festgewurzelten  Hange’  zu  Mitleid  und
Furcht  behaftet  sind,  und  hiernach  diesen  Gedanken  in  das  Wort
7r«^v7p.aTojv  hineinzudeuten;  jene  Stelle  nöthigt  vielmehr,  der  Tragödie ­
  eine  allgemein  menschliche  Wirkung  beizumessen,  entsprechend

17 )  Vgh  hierüber  die  Bemerkungen  Döring’s  in  dem  oben  erwähnten  Jahresberichte ­
  des  Pliilologus  21,  S.  i>28  f.
            
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