Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 55. Band, (Jahrgang 1867)

322

D  i  e  m  e  r

Heimat  erinnern  wollte.  Aus  diesem  Grunde  (so  schliesst  sich  die
X.  Strophe  unmittelbar  an)  wollte  Gott  auch  den  Menschen  ganz  besonders ­
  schmücken.  Er  gab  ihm  das  Augenlicht  von  dem  Feuer,  das
Gehör  von  den  höhern  Lüften  u.  s.  w.  und  schuf  ihn  aufrecht,  dass  er
empor  schaue  und  sich  von  dem  Vielie  unterscheide.  Diese  Strophe
ist  vollkommen  berechtigt  und  an  ihrem  Orte,  nicht  aber  die  vorhergehende ­
  IX.  welche  daher  ganz  aus  den  gleichen  Gründen  wie  jene
XII 1 ’  als  unecht  ausgeschieden  werden  muss.
Hierzu  tritt  noch  ein  anderer  Umstand  der  Beachtung  verdient.
Das  Lied  enthält  nämlich,  wenn  man  die  genannte  Strophe  entfernt
gerade  30  Strophen,  jede  mit  10  Versen,  was  ein  schönes  natürliches ­
  Verhältniss  bildet.  Vergleicht  man  dieses  mit  andern  völlig
gleichzeitigen  Liedern,  z.  B.  mit  dem  Liede  Salomon  mit  20  Strophen
von  je  10  Versen,  dem  Paternosterleich  mit  ebenfalls  20  Strophen
und  je  12  Versen;  so  sieht  man,  dass  eine  gerade  Zahl  von  Strophen
selbst  bei  grossem  Liedern  nicht  ganz  zufällig  sei.  Ist  aber  das  Lied,
wie  ich  schon  oben  bemerkte,  an  die  Sancta  Trinitas  gerichtet,  so
gewinnt  diese  Zahl  noch  eine  höhere  mystische  Bedeutung,  denn  es
ist  nicht  unwahrscheinlich,  dass  die  Verfasser  für  je  eine  göttliche
Person  10  Strophen  oder  eine  Decade  bestimmten,  welche  dreimal
genommen,  das  ganze  Gedicht  oder  die  drei  göttlichen  Personen  als
Einen  Gott  darstellen.
Wir  wollen  jedoch  auf  diese  Deutung,  obwohl  sie  Manches  für
sich  hat,  kein  besonderes  Gewicht  legen,  sondern  kehren  auf  unsere
Vermuthung  zurück,  dass  nicht  selten  eine  runde  Strophenzahl  bei
einzelnen  Dichtungen  beabsichtigt  war.  Wenn  diese  Vermuthung  gegründet ­
  ist,  so  erscheinen  im  Ezzoliede  die  33  Strophen,  jede  mit
12  Versen  um  so  auffallender  und  es  tritt  da  die  Absichtlichkeit  des
Verfassers  und  die  Deutung  der  ersten  Zahl  auf  die  Lebe  n  s  j  a  h  r  e  des
Heilands  und  der  zweiten  auf  die  12  Monate  eines  Jahres  um  so  bedeutsamer ­
  hervor.  Diese,  gewiss  mehr  als  bloss  nur  zufällige  Übereinstimmung ­
  würde  auch  einen  neuen  Beleg  liefern  für  die  Identität
unseres  Liedes  mit  der  Cantilena  Ezzo’s,  denn  leicht  konnte  der  Biograph ­
  Altmann’s  selbe  im  Sinne  gehabt  haben*  wenn  er  von  Ezzo
sagt:  cantilenam  patria  lingua  mir  ab  Hit  er  composuit.  Jedenfalls ­
  würde  diese  Art  künstlicher  Fassung  dem  Geiste  und  der  beliebten
Zahlensymbolik  jener  Zeit  mehr  entsprechen  als  der  complicirte  Leich,
welchen  Müllenhoff  herausbrachte.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.