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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 55. Band, (Jahrgang 1867)

27S

D  i  e  m  e  r

heit  von  Ezzo's  Verfasserschaft  unseres  Liedes  ahleiten  lasse.  Der
genannte  Bericht  sagt:
1.  Dass  Ezzo  eine  cantilena,  d.  i.  ein  strophisches  Lied,  verfasst
habe.  Dass  unser  Lied  keine  hlosse  Reimprosa  ist,  wie  W.  Wackernagel ­
  meint,  sondern  wirklich  ein  in  Strophen  abgetheiltes  Lied,
dürfte  nach  den  verschiedenen  Herstellungsversuchen,  die,  ohne  dem
Originale  zu  nahe  zu  treten,  gemacht  wurden,  kaum  mehr  bezweifelt
werden.  Wer  sich  durch  die  in  der  damaligen  Zeit  herrschenden
freien  Reime  oder  blossen  Anklänge  an  Reime,  und  durch  die  in
den  Versen  oft  wechselnde  Zahl  der  Hebungen  oder  durch  leicht
erkennbare  Einschiebungen  irre  machen  lässt  und  behauptet,  dass
desshalb  ein  Gedicht  kein  Gedicht  sei,  sondern  nur  gereimte  Prosa
enthalte,  berücksichtigt  offenbar  jene  Momente,  die  fast  in  allen
altern  Dichtungen  dieser  Zeit  Vorkommen,  zu  wenig  und  wird  sie
daher  ungerecht  heurtheilen.  Reimprosa  oder  bloss  nur  gereimte  Prosa
kann  man  aber  diese  Dichtungen  und  das  unsere  schon  aus  dem
einfachen  Grunde  nicht  heissen,  weil  sie  offenbar  keine  Prosa,  sei  es
in  was  immer  für  einer  Bedeutung,  sondern  ordentliche  Verse  enthalten, ­
  welche  in  der  Handschrift  durch  Punkte  geschieden,  mit  dem
gehörigen  Metrum,  d.  i.  der  völlig  gleichen  Anzahl  von  Hebungen
und  Senkungen  versehen  und  in  Strophen,  welche  eigens  durch  grosse
Anfangsbuchstaben  bezeichnet  werden,  abgetheilt  sind.  Auch  ist  der
Inhalt  und  die  Sprache  besonders  in  unserem  Liede  und  dem  von  der
Schöpfung  keineswegs  prosaisch,  sondern  durchaus  gehoben,  und  oft
voll  poetischen  Schwunges.  Vergl.  hierzu  Schade,  Altd.  Lesebuch
S.  VII  ff.  Wir  glauben  also  keines  weitern  Beweises  zu  bedürfen,  dass
unser  Gedicht  wirklich  eine  cantilena,  d.  i.  ein  strophisch  abgefasstes
Lied  in  Versen  sei.
2.  Der  Bericht  sagt  ferner,  dass  Ezzo  eine  cantilena  auf  der
Pilgerfahrt  nach  Jerusalem,  d.  i.  im  Jahre  1064  und  in  deutscher
Sprache  gedichtet  habe.  Beide  Punkte,  sowohl  die  -angegebene  Zeit
als  die  Sprache,  treffen  hei  unserm  Gedichte  zusammen;  denn  dass
dasselbe  der  Mitte  des  11.  Jahrhunderts  angehöre,  dürfte  kaum  Jemand ­
  mehr  bezweifeln;  wesshalb  ich  es  für  überflüssig  halte,  auf  die
vielen  jener  Zeit  entsprechenden  alten  Sprachformen  und  Reime  eigens ­
  hinzuweisen.
3.  Heisst  es,  dass  das  Lied  von  den  Wundern  Christi  handle.
Unser  Gedicht  führt  zwar  den  Titel  „von  dem  rehten  anegenge“  und
            
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