Beitrage zur älteren deut:chen Sprache und Literatur.
273
Man sieht also, dass die Meinungen der ersten Fachmänner
über diesen Gegenstand getheilt sind, wesshalb es nöthig erscheint,
die Gründe für unsere Ansicht, da dies bisher noch nirgend geschehen
ist, ausführlich anzugeben.
Von besonderer Wichtigkeit muss uns das Urtheil MüllenhofFs
und Schade’s sein, weil diese sich am längsten und eingehendsten
mit der Literatur dieser Zeit und namentlich mit unserem Gedichte
beschäftigt haben. Beide gelangten nach gründlichem Studium zu
demselben Ergebnisse wie wir. Auffallend ist hierbei nur, dass sie
aus den zwei ersten Eingangsstrophen, welche allerdings durch die
Überlieferung sehr gelitten haben, nichts zu machen wussten und sie
für unecht, für einen späteren Zusatz des Schreibers erklärten. Da aber
gerade in diesen beiden Strophen die Beweise für manche der folgenden
Behauptungen liegen, so ist es vor Allem notliwendig, ihr richtiges
Verständniss zu vermitteln und daraus ihre Echtheit darzuthun.
Man hat durchaus kein Recht, Theile eines Gedichtes oder
einzelne Strophen als unecht oder unterschoben auszuscheiden,
sobald nachgewiesen werden kann, dass sie dem Geiste des Ganzen,
sowohl was den Inhalt als die Sprache betrifft, nicht widersprechen.
Ich glaube durch meine Herstellung des Testes und die denselben
begleitenden Anmerkungen gezeigt zu haben, dass die im Eingänge
erwähnte Notiz im Leben Altmann’s sich auf Ezzo’s Gedicht,
jene in den genannten Eingaugsstrophen aber auf ein früheres bezieht,
das von der Bamherger Geistlichkeit verfasst wurde. — Schade
(Vet. Mon. p. 31), Müllenhoff (Üenkni. S. 342) und nach diesen
Ph. Wackernagel (das deutsche Kirchenlied, Leipzig 1865 S. 32),
behaupten jedoch, dass beide Stellen sich vereinigen lassen und auf
das Gedicht von deD Wundern Christi zu beziehen seien. Der Grund
dieser Ansicht beruht wahrscheinlich darin, dass man bisher die Nebenbedeutung
des Zeitwortes beginnen im Vers 1, 5, eines liedes si
(die phaphen) begunden, ward si diu buoch cliunden, nichtgehörig
berücksichtigte und selbe nur als „anfangen“ nicht aber, wie es hier
notliwendig geschehen muss, als „anfangen und zugleich vollenden“
auffasste, und so die Bamberger Geistlichen völlig ausser Acht liess.
Diese und nichtEzzo allein waren es, welche das Lied zu Stande
brachten, und zwar weil si diu buoch chunden. Bios anfangen hätten
sie es auch können, ohne besonders unterrichtet oder gelehrt zu