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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 55. Band, (Jahrgang 1867)

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Lorenz

Grund  vorhanden,  das  Schreiben  in  seiner  Echtheit  anzuzweifeln:
Allerdings  gibt  es  nicht  viele  Beispiele,  dass  Wahlausschreiben  an
bestimmte  einzelne  Personen  gerichtet  sind,  aber  die  neue  kurfürstliche ­
  Praxis  könnte  auch  nicht  füglich  nach  den  alten  Wahlformen
beurtheilt  werden.  Vor  Zeiten  konnte  man  nicht  an  jeden  Reichsfürsten ­
  eine  besondere  Einladung  zur  Wahl  richten,  jetzt  war  dies
natürlich  anders  geworden.  Während  nun  aber  Mainz  im  unzweifelhaften ­
  Rechte  zu  sein  glaubt,  den  Wahltag  zu  bestimmen,  findet
sich,  dass  der  Pfalzgraf  bei  Rhein  dieses  Amt  für  sich  in  Anspruch
nimmt  und  am  7.  December  1291  auch  seinerseits  ein  Wahlausschreiben ­
  ergehen  lässt,  welches  uns  ebenfalls  wie  das  Mainzische  in
dem  für  Böhmen  bestimmten  Exemplar  erhalten  ist  (Böhmer  R.
S.  167)‘)-  Mit  offenbarer  Rücksicht  auf  den  Anspruch  des  Erzkanzleramts ­
  erklärt  Pfalzgraf  Ludwig  hier  das  Recht  der  Wahlausschreibung ­
  als  eine  Function  des  Pfalzgrafenamtes  und  setzt  den  Wahltag
auf  den  25.  April  1292.  Hierin  liegt  mehr  als  ein  blos  staatsrechtlicher ­
  Streit  zwischen  Pfalz  und  Mainz,  denn  dass  der  Pfalzgraf  beabsichtigt ­
  sieben  Tage  vor  dem  Mainzer  wählen  zu  lassen,  verräth
deutlich,  dass  es  sich  nicht  hlos  um  einen  Rangstreit,  sondern  um
einen  Unterschied  politischer  Art  handelt.  Hätten  beide  Männer  eine
und  dieselbe  Person  zu  wählen  in  Absicht  gehabt,  so  würden  sie  eine
Secession  dieser  Art  nicht  veranlasst  und  einen  anderen  Weg  eingeschlagen ­
  haben,  um  ihre  vermeintlichen  Rechtsansprüche  zum  Ausgleich ­
  zu  bringen.  Wie  aber  bei  früheren  und  späteren  Doppelwahlen ­
  sich  gezeigt  hat,  so  war  die  Feststellung  des  Tages  ein  ganz
entscheidender  Punkt  für  den  Ausfall  der  Wahl  selbst  und  wir  zweifeln ­
  daher  keinen  Augenblick,  dass  die  Ausschreibung  auf  den  25.  April
von  Seite  des  Pfälzers  in  dem  Augenblicke  erfolgt  ist,  wo  man  auf
österreichischer  Seite  die  Überzeugung  erlangt  hatte,  dass  Mainz  und
vermuthlich  auch  die  anderen  geistlichen  Wähler  nicht  zu  gewinnen
seien.  In  dem  Ausschreiben  des  Pfälzers  vom  7.  December  ist  mithin
die  erste  Spur  zu  sehen,  dass  in  dem  Wählercollegium  der  Zwiespalt

*)  Die  Unechtheit  dieser  Briefe  nimmt  Böhmer  nur  deshalb  an,  weil  sie  von  Goldast
edirt  sind;  welchen  Grund  hätte  aber  jemand  in  neuerer  Zeit  zu  dieser  reinen  Formelfälschung ­
  gehabt?  Jedenfalls  wäre  es  ein  sehr  gelehrter  Mann  gewesen,  der  die  Formel ­
  der  dreimaligen  Ladung  auch  zu  den  Wahlen  schon  ganz  genau  gekannt  hätte.
Niemand  pfliclit  et  übrigens  in  neuester  Zeit  dem  Misstrauen  Böhmer’s  hier  bei,  Merkel
handelt  von  den  Urkunden  de  republ.  Alam.  p.  113  und  hält  sie  gleichfalls  für  echt.
            
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