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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 53. Band, (Jahrgang 1866)

Daeier  und  Romanen.

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wir  bedürfen  nicht  der  einzelnen  Beispiele.  Wussten  es  die  Römer
nicht  und  sprachen  es  laut  aus,  welch’  ein  Bollwerk  für  sie  die  Zwietracht ­
  der  Germanen,  ihr  Mangel  staatlichen  und  bundesgenössischen
Gemeinsinnes  sei.  Darum  dienten  germanische  Edle  wie  Gemeinfreie
so  zahlreich  im  römischen  Reiche  und  verstärkten  im  4.  Jahrhundert
die  Wehrkraft  des  sinkenden  Reiches.  „Man  kann  es  geradehin
aussprechen,  das  römische  Reich  ist  die  Macht,  an  deren  Begegnung
die  losen,  auseinander  fallenden  (vorderen)  germanischen  Stämme
wieder  eine  festere  Haltung  gewannen,  und  die  das  deutsche
Gefolgschafts-  und  Heerwesen  zu  einer  höheren  Bedeutung  erhoben
bat').“
Warum  aber  die  Quaden  und  Markomannen  nicht  gegen  das
Volk  der  Dacier  dem  Domitian  Hilfe  leisteten,  lehrt  das  angeführte
Capitel  des  Dio  Cassius':  Domitian  hatte  die  beiden  Stämme  aufs
tiefste  beleidigt 3 ).  Am  überraschendsten  aber  ist  die  Äusserung,
dass  die  Deutschen  den  „Auslauf“  der  Donau  ins  Meer  fremden
Händen  nicht  würden  überlassen  haben?  ßesilzen  etwa  die  Deutschen
in  der  Gegenwart  jenen  Unterlauf  und  jene  wichtige  Mündung  ihres
grossen  Stromes,  besitzen  sie  etwa  die  des  Rheins?  Oder  wenn  man
sich  der  Täuschung  hingäbe,  das  jetzige  Deutschland  sei  schwächer
als  jenes  vom  Nebel  des  Altertums  umhüllte,  dachten  die  Deutschen
auf  dem  höchsten  Gipfel  ihrer  kaiserlichen  Gewalt  im  Mittelalter  an
jene  Mündungen  der  Donau,  haben  sie  unter  ihren  Ottonen,  Heinrichen ­
  und  Friedrichen  sie  nicht  ruhig  den  Fremden  überlassen?
Die  Hypothese  von  der  Deutschheit  der  Geten  hat  noch  einen
gelehrten  und  energischen  Anhänger  und  Verfechter  gewonnen  an
H.  Leo 3 ).  Dieser  hat  das  „gesicherte  (!)  Resultat  der  Forschungen
Grimms  die  Identität  der  Geten  und  Gothen  angenommen“  und  beginnt ­
  seine  Geschichte  des  deutschen  Mittelalters  ungestört  durch
allen  Einspruch  schon  mit  den  Geten  des  Herodot.  Aber  eine  bewegliche, ­
  rasch  eombinirende  Phantasie  geht  bei  ihm  über  seines  Vorgängers ­
  Resultate  weit  hinaus  und  geräth  stellenweise  in  eine  Art
Dichtung  auf  dem  Gebiet  der  Sprachvergleichung.  Leo  knüpft  die

<)  H.  Leo,  Vorlesungen  über  deutsche  Geschichte  1,  210.
~)  Meine  Abhandlung,  Das  vorrömische  Dacien  S.  27.
3 )  Lehrbuch  der  Universalgeschichte  II,  23—36;  Vorlesungen  über  die  Geschichte ­
  des  deutschen  Volkes  und  Reiches,  I,  83—  10S.
            
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