298
Scherer
sophen sind durch Pythagoras, der schon aus seinem Symbole,
dem Y, bekannt war, vermehrt: auch eine Schriftstelle ist wohl hinzugefugt.
Mit der Logik und Consequenz der Gedanken steht es nicht
ebenso günstig wie mit der Form, in welcher sie sich präsentieren.
Bei Haimo gehen zwei Vorstellungen neben einander her, wenn auch
nicht in ihrem Parallelismus klar erkannt, so doch jede in sich noch
zusammenhängend: das Bett, von welchem das Mädchen sich erhebt,
wird teils als die Finsterniss des Heidentums, teils als die fleischlichen
Lüste gefasst. Aus jenem führt der Weg durch die heidnischen
Philosophen zu der Predigt und den Büchern der Kirchenlehrer und
in ihrem Dogma wird Christus gefunden. Aus diesen gelangen wir
zur Betrachtung erst der weltlich Gesinnten, dann der Heiligen; und
die Erkenntniss, dass Christus sie alle übertreffe, leitet zu ihm.
Williram hat dies Alles noch mehr in einander gewirrt als schon
Haimo, man sehe bei ihm selbst wie es sich ausnimmt, der Schein
grösserer Consequenz verdeckt die bare Sinnlosigkeit: und man
bemerkt, wie wenig es dem Verfasser um eine tiefere Durchdringung
seines Gegenstandes zu tun war. Darin vertraut er sich bis auf
gewisse allgemeine Gesichtspuncte, die er gelegentlich zur Geltung
bringt, gänzlich seinen Vorgängern an. Und wo diese in die Irre
führen, folgt er willig nach.
Das Vorstehende möge genügen, um Willirams Werk zu charakterisieren.
Es ist die allgemeine Idee des Christentums, welche
zuletzt daraus hervorgeht. In keinem biblischen Werke steht sie so
ausdrücklich und ausschliesslich im Vordergründe wie im Hohenliede
nach der allegorischen Deutung. Und hierin lag eben der Grund der
Anziehungskraft, welche dieses, und nicht blos auf Williram,
ausübte; hierin mit eine Ursache des Erfolges, den Williram
erzielte.
Als er sein Werk dem Publicum übergab, versprach er in den
mit Reimprosa aufgeputzten Schlussworten des Prologs, es nach dem
Rate Gelehrterer so lange er lebe verbessern zu wollen, auszulassen
und hinzuzufügen wie man es für passend halten würde. Es fehlt uns
nicht an Andeutungen, dass er diesem Versprechen in der Tat
nachgekommen.
Wie wenig ihn auch innerer Drang zu der Arbeit getrieben
haben mochte, jetzt da sie fertig vor ihm lag, konnte er sich des
Stolzes und der Freude nicht enthalten: es schien ihm dass derjenige