Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 53. Band, (Jahrgang 1866)

Leben  Willirams,  Abtes  von  Ebersberg;  in  Baiern.

293

an  das  unruhige  Geflatter  der  Angst  vor  dem  nahenden  Habicht
erinnerte?  Aber  leider  steckt  hinter  dem  Habicht  der  Satan,  und  „hae
columbae  super  rivulos  resident,  ut  adventum  accipitris  a  longe  prospiciant
  et  praecaveant“,  wie  Haimo  bemerkt.
Es  ist  auch  nicht  wahr,  dass  dem  angeblichen  doppelartigen
seiner  Arbeit  Willirams  Sprachmischung  entspreche,  dass  „wie  seine
Gedanken  zwischen  irdischen  Worten  und  himmlischen  Vorstellungen
schweben,  seine  Sprache  zwischen  der  des  gewöhnlichen  Lehens  und
der  kirchlicher  Gelehrsamkeit  unentschlossen  hin  und  her  irre“,  dass
mithin  „weniger  eine  Folge  des  Geschmackes  als  der  Sache“  in  dem
bunten  Gewände  erkannt  werden  müsse,  worein  Williram  seine  Prosa
kleidete.  Solche  Anschauungengehören,  glaube  ich,  zu  jenen,  die
man  als  geistreich  zu  bezeichnen  liebt:  mir  dienen  sie  nur  als  Belege
für  die  Richtigkeit  des  mephistophelischen  Dictuins  von  der  wichtigen
Function  des  Wortes,  wo  Begriffe  fehlen,  das  auch  mitunter  auf
Litteraturgeschichtschreiber  Anwendung  findet,  die  sich  von  guten
Freunden  auf  dem  Umschläge  ihrer  Bücher  in  eine  Linie  mit  Jacob
Grimm  stellen  lassen.
Ebensowenig  Verstand  hat  es,  wenn  gesagt  wird,  die  Einmischung ­
  lateinischer  Wörter  und  Sätze  in  den  deutschen  Text  bezeichne ­
  die  Übergangsstufe  von  der  Interlinearversion  zu  selbständigen
Arbeiten.
Dagegen  scheint  mir  richtig,  dass  Williram  ein  anderes  Publicum ­
  im  Auge  hielt  als  Notker,  der  ihm  mit  der  Sprachmischung  den
Weg  gezeigt  hatte  (Goedeke  Mittelalter  S.  44).  Konnten  Notkers
Psalmen  auch  der  Predigt  dienen,  so  rief  die  wirkliche  Verwendung
zu  diesem  Zwecke  die  Glossierung  der  (wie  YY  ackernagel  vermutet)
zu  Schulzwecken  eingefügten  lateinischen  Worte  oder  die  gänzliche
Umschreibung  in  reindeutsche  Rede  hervor.  Aber  unter  allen  den
zahlreichen  Handschriften  Willirams  ist  keine  einzige  mit  einer
deutschen  Glosse  versehen  worden.  Das  Publicum,  für  welches  er
schrieb,  bedurfte  dessen  nicht:  er  wollte  nicht  vorzugsweise  der
Schule  dienen  und  auch  nicht  der  Belehrung  und  Erbauung  des
Volkes,  sondern  seinen  Standesgenossen,  der  hohen  geistlichen  Gesellschaft ­
  jener  Tage.  Aber  weshalb  gefiel  er  sich  in  der  Einmengung
lateinischer  Wörter  und  Phrasen?  „Er  tat  es  um  des  Schmuckes  und
gelehrten  Prunkes  willen“,  meint  Gervinus;  „es  war  eine  klösterlichgelehrte ­
  Zierlichkeit“,  Wackernagel.  Beide  sehen  darin  Geschmack-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.