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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 53. Band, (Jahrgang 1866)

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Scherer

um  ihren  Worten  das  nötige  Gewicht  und  die  gehörige  Eindringlichkeit ­
  zu  verleihen.  „Ut  maioris  auctoritatis  videatur“:  es  ist  derselbe
Grund,  weshalb  ein  Journalist  nicht  als  Ich  seine  Meinungen  ausspricht, ­
  sondern  in  einem  Wir  das  Publicum  oder  seine  Partei  zur
Verstärkung  herbeizielit.  „Ut  quivis  legens  delectabilius  afficiatur“:
Williram  bekennt  sich  unverholen  zu  der  Maxime  aller  Schriftstellerei,
welche  nicht  der  innere  Drang,  sondern  äussere  Zwecke  beseelen
und  anregen:  er  will  interessant  und  amüsant  schreiben.
Aus  demselben  Gesichtspuncte  muss  Alles  eine  schickliche  Kürze
und  leichte  Fasslichkeit  erhalten,  es  muss  zusammengezogen  und  ausgelassen ­
  werden,  was  in  sich  zur  Anschaulichkeit  verbunden  ist,  soll
ungetrennt  und  unzerrissen  bleiben,  die  Deutung  sich  in  den  Wortlaut ­
  so  innig  verweben,  dass  dieser  gleichsam  aufgesogen  erscheint
und  alle  selbständige  Geltung  für  den  hingebenden  Leser  verliert.
Dabei  keine  Spur  von  Empfindung  für  den  ursprünglichen  Sinn.  Es
ist  nicht  wahr,  dass  Willirams  Erfolg  auf  der  Wahl  des  Hohenliedes
beruhte,  dessen  sinnliche  Glut  reizte,  während  die  mystische  geistliche ­
  Anwendung  vor  dem  eigenen  Gewissen  sogar  den  Verdacht
sinnlichen  Gefallens  und  Schweigens  fern  halten  durfte.  Oder  wenn
es  wahr  ist,  so  hat  das  zeitgenössische  Publicum  des  Dichters  anders
empfunden  als  der  Dichter  selbst.  Denn  in  den  lateinischen  Versen
musste  es  sich  zeigen,  wofern  Willirams  Gedanken  eine  Richtung
nahmen,  für  deren  Ausdruck  ihn  Ovid  mit  den  etwa  fehlenden  Wendungen ­
  bald  versehen  konnte.  Und  wir  würden  seinen  geraden  Sinn
bewundern  und  mit  Freude  beobachten,  wie  die  geknebelte  Natur  den
Schein  officieller  Lüge  und  Heuchelei  siegreich  durchbräche.  Aber
ein  unbefangenes  Auge  entdeckt  nichts  von  alledem,  keine  einzige
Situation  des  an  prächtigen  Situationen  so  reichen  Gedichtes  hat
seiner  Muse  auch  nur  ein  Lächeln  abgelockt.  Sie  zeigt  ihm  stets  dieselbe ­
  Miene  einer  gleichmütigen  Dienerin,  die  zu  leicht  und  schnell,
aber  widerwillig  und  ohne  inneren  Anteil  geleisteter  Arbeit  sich  gezwungen ­
  sieht.  Überrascht  uns  einmal  ein  individuellerer  Zug,  so
brauchen  wir  in  der  Regel  nur  den  Haimo  aufzuschlagen,  um  ihn  dort
wiederzufinden,  zugleich  jedoch  die  Täuschung  poetischer  Eingebung
von  ihm  herabsinken  zu  sehen.
Vergleicht  z.  R.  das  Mädchen  die  Augensterne  des  Geliebten  mit
Tauben  an  Wasserbächen  in  Milch  gebadet,  wäre  es  nicht  hübsch,
wenn  unseren  Dichter  das  lebhafte  Funkeln  des  beweglichen  Blickes
            
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