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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 53. Band, (Jahrgang 1866)

Leben  Willirams,  Abtes  von  Ebersberg  in  Baiern.

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an,  die  Sonne  hat  zehn  Tagesstunden  schon  vollendet,  da  muss  sie
zurück,  und  erst  nach  abermals  zehn  Stunden  und  weiteren  zweien,
also  im  ganzen  nach  32  Stunden,  kann  die  Nacht  eintreten.
Es  stimmt  zu  solchen  astronomischen  Neigungen,  wenn  wir
anderswo  chronologische  hei  ihm  entdecken.  Aber  es  ist  der  Gipfel
von  Unpoesie,  uns  diese  wiederum  in  leoniniscben  Versen  über
die  siebzig  Jabrwochen  der  Prophezeiung  Davids  gemessen  zu  lassen.
Dunkle  Umrisse  der  Individualität  die  wir  betrachten,  liehen  sich
doch  aus  diesen  kleinen  Gedichten  empor.  Wir  erblicken  eine  ausgebildete ­
  Anschauung  weltlicher  Dinge,  das  Bedürfnis  und  die
Fähigkeit  politischer  Erwägungen,  auf  wissenschaftlichem  Gebiete
einen  Zug  zu  dem  scheinbar  Trockensten,  der  rechnenden  Beschäftigung ­
  mit  Zahlen,  Spuren  poetischen  Talentes  nur  in  der  epischen
und  weltlichen  Richtung:  keine  lyrische  Regung,  kein  Aufschwung
in  Hymnen  oder  Psalmen,  kein  Ausdruck  überzeugter  Frömmigkeit
und  gottdurchdrungenen  Sinnes.  Dabei  jedoch  eine  grosse  formelle
Gewandtheit  im  lateinischen  Ausdruck,  deren  Wert  damals  bei
weitem  höher  stand,  als  wir  ihn  heute  anschlagen  würden.
Wir  können  nicht  zweifeln,  wozu  die  Natur  Williram  bestimmt
hatte:  zu  einer  Säule  des  Reiches,  zu  einem  jener  geistlichen  Staatsmänner ­
  auf  deren  Schultern  die  deutsche  Monarchie  ruhte,  zu  den
Ehren  und  Würden,  welche  seit  einem  halben  Jahrhundert  Mitglieder
seiner  Familie  in  der  Tat  bekleideten.
Wir  linden  Williram  nicht  frei  von  der  Eitelkeit,  welche  bei
Dichtern  häufig  beobachtet  wird,  deren  Talent  lediglich  in  der  Form
seine  Stärke  besitzt  •).  Der  Beifall  den  seine  frühesten  kleinen  Productionen
  gefunden  zu  haben  scheinen,  musste  diesen  Zug  in  ihm
verstärken.  Aber  andererseits  waren  schwerlich  alle  seine  Lebenswüusche
  in  dem  einen  beschlossen,  ein  grosser  und  berühmter
Dichter  zu  werden:  ebensowenig  wie  er  durch  die  eigentlich  geistlichen ­
  und  kirchlichen  Tugenden  zu  glänzen  suchte.
Es  ist  keine  Spur  von  Schwärmerei  in  ihm.  Anstatt  über  seine
Armut  mit  Verachtung  des  Irdischen  sich  hinwegzusetzen  und  in  die

*)  Beweis  ein  Passus  seiner  Vorrede  zur  Auslegung  des  Hohenliedes:  Nescio  an  me
ludit  amabilis  error  aut  certe  qui  Salomoni  pluit,  mihi  etiam  vel  aliquantulum
stillare  dignatur:  interdum  mea  legens  sic  delectabiliter  nfficior,  quasi  haec  probatus
  aliquis  composuerit  auetor.
            
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