Leben Willirams, Abtes von Ebersberg in Baiern.
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an, die Sonne hat zehn Tagesstunden schon vollendet, da muss sie
zurück, und erst nach abermals zehn Stunden und weiteren zweien,
also im ganzen nach 32 Stunden, kann die Nacht eintreten.
Es stimmt zu solchen astronomischen Neigungen, wenn wir
anderswo chronologische hei ihm entdecken. Aber es ist der Gipfel
von Unpoesie, uns diese wiederum in leoniniscben Versen über
die siebzig Jabrwochen der Prophezeiung Davids gemessen zu lassen.
Dunkle Umrisse der Individualität die wir betrachten, liehen sich
doch aus diesen kleinen Gedichten empor. Wir erblicken eine ausgebildete
Anschauung weltlicher Dinge, das Bedürfnis und die
Fähigkeit politischer Erwägungen, auf wissenschaftlichem Gebiete
einen Zug zu dem scheinbar Trockensten, der rechnenden Beschäftigung
mit Zahlen, Spuren poetischen Talentes nur in der epischen
und weltlichen Richtung: keine lyrische Regung, kein Aufschwung
in Hymnen oder Psalmen, kein Ausdruck überzeugter Frömmigkeit
und gottdurchdrungenen Sinnes. Dabei jedoch eine grosse formelle
Gewandtheit im lateinischen Ausdruck, deren Wert damals bei
weitem höher stand, als wir ihn heute anschlagen würden.
Wir können nicht zweifeln, wozu die Natur Williram bestimmt
hatte: zu einer Säule des Reiches, zu einem jener geistlichen Staatsmänner
auf deren Schultern die deutsche Monarchie ruhte, zu den
Ehren und Würden, welche seit einem halben Jahrhundert Mitglieder
seiner Familie in der Tat bekleideten.
Wir linden Williram nicht frei von der Eitelkeit, welche bei
Dichtern häufig beobachtet wird, deren Talent lediglich in der Form
seine Stärke besitzt •). Der Beifall den seine frühesten kleinen Productionen
gefunden zu haben scheinen, musste diesen Zug in ihm
verstärken. Aber andererseits waren schwerlich alle seine Lebenswüusche
in dem einen beschlossen, ein grosser und berühmter
Dichter zu werden: ebensowenig wie er durch die eigentlich geistlichen
und kirchlichen Tugenden zu glänzen suchte.
Es ist keine Spur von Schwärmerei in ihm. Anstatt über seine
Armut mit Verachtung des Irdischen sich hinwegzusetzen und in die
*) Beweis ein Passus seiner Vorrede zur Auslegung des Hohenliedes: Nescio an me
ludit amabilis error aut certe qui Salomoni pluit, mihi etiam vel aliquantulum
stillare dignatur: interdum mea legens sic delectabiliter nfficior, quasi haec probatus
aliquis composuerit auetor.