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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 53. Band, (Jahrgang 1866)

Leben  Williraros,  Abtes  von  Ebersberg  in  Baiern.  223
von  Verhältnissen,  die  sonst  in  undurchdringlichem  Dunkel  begraben
lägen.
Welche  Ursachen  im  Beginne  des  11.  Jahrhunderts  die  Laienbildung ­
  untergruben,  wesshalb  der  Adel  seine  Söhne  nicht  mehr  zur
Schule  schickte  (moderni  vero,  sagt  Ulrich,  tilios  suos  negligunt
iura  doeere),  auf  diese  Fragen  gehe  ich  für  jetzt  nicht  ein  (vergl.
übrigens  Hirsch  2,  233).  Nur  sei  es  mir  gestattet,  noch  daraufhinzuweisen, ­
  dass  für  dieselbe  Tatsache,  welche  Graf  Ulrich  beobachtet, ­
  Wipo  und  auf  seine  Veranlassung  Kaiser  Heinrich  III.  Abhilfe  zu
schaffen  suchten,  und  dass  sie  dem  Anscheine  nach  die  verlorne
Schöpfung  Karls  des  Grossen  auf  eben  dem  Wege  herzustellen
beabsichtigten,  auf  welchem  er  sie  zu  Stande  brachte:  ein  Capitulare
sollte  für  ganz  Deutschland  befehlen
Quilibet  ut  dives  sibi  natos  instruat  omnes
Litterulis,  legemque  suam  persuadeat  illis;
und  der  Hof  selbst  sollte  mit  gutem  Beispiele  vorangehen.  Die  Stelle
Wipos  im  Tetralogus  190  ff.  ist  bekannt  genug:  weniger  bekannt
ist,  dass  damals  (1041)  oder  wenig  später  ein  vornehmer  Italiener,
Anselm  von  Besäte  mit  dem  Beinamen  der  Peripatetiker,  sich  in  der
gleichen  Stellung  wie  Wipo,  als  Capellan,  an  dem  Hofe  Heinrichs  HI.
befand,  der  ein  Werk  de  materia  artis  geschrieben  hatte  und  später
ein  anderes  unter  dem  Titel  Rhetorimachia  verfasste.  Wie  Wipo
war  er  nach  Deutschland  zunächst  aus  Burgund  gekommen,  wie
Wipo  liebte  er  den  Gebrauch  der  Reimprosa.  Er  hatte  in  verschiedenen ­
  oberitalischen  Schulen  seine  Bildung  in  den  artes  liberales
erhalten:  vir  wissen,  dass  die  damalige  italienische  Logik  und
Dialektik  in  der  genauesten  Verbindung  mit  der  Jurisprudenz  stand
(Prantl  Geschichte  der  Logik  2,  69  f.),  gerade  im  Hinblick  auf
Italien  sucht  Wipo  den  König  zu  einem  Edict  über  die  juristische
Laienbildung  zu  bewegen:  und  gerade  in  der  auf  das  Recht  angewandten ­
  Logik  finden  wir  Anselms  Stärke,  nach  seiner  Rhetorimachia ­
  zu  sehliessen.  Die  Vermutung  wird  nicht  zu  kühn  sein,
dass  Anselms  Anwesenheit  am  königlichen  oder  kaiserlichen  Hofe
mit  jenen  Bestrebungen  Wipos  zusammenhieng:  wer  könnte  sagen,
wie  weit  dieselben  zur  Ausführung  gediehen  und  wesshalb  sie
schliesslich  verlassen  wurden?  Uber  Anselm  vergl.  Haureau  singularites
  historiques  et  litteraires,  Paris  1861,  p.  179—200,

Ü
            
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