Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 53. Band, (Jahrgang 1866)

220

Scherer

nach  ihres  Mannes  Tode  all  ihr  Hah  und  Gut,  wandert  nach  Palästina
und  kommt  in  den  Ruf,  als  wirke  sie  Zeichen  und  Wunder)  und  der
nicht  minder  starken  reichstreuen  Gesinnung,  welche  mit  dem  Kirchentume
  und  insbesondere  dem  Episcopat  so  unauflöslich  innig
Zusammenhang.  Gerade  unter  Heinrich  I.,  in  dessen  Regierungszeit
die  Gründung  Ebersbergs  fällt,  treffen  wir  Ulrich  als  einen  der
wenigen  oft  und  also  gewiss  gern  gesehenen  Bischöfe,  und  wie  es
scheint,  mit  einer  bestimmten,  wenngleich  nicht  näher  erkennbaren
Function  betraut.
Wer  möchte  nun  den  weiteren  Ebersberger  Überlieferungen
ihren  historischen  Gehalt  ansehen?  Nicht  blos  um  Graf  Ulrichs
Jugend,  um  seine  ganze  Gestalt  hat  sich  Duft  der  Sage  gebreitet,
welche  doch  die  Grundzüge  seines  Wesens  gewiss  treu  auffasste
und  behielt.  Alles  was  von  ihm  erzählt  wird,  trägt  die  eigentümliche
Rundung  und  Abgeschlossenheit  an  sich,  worin  die  Sage  ihre  umbildende ­
  Kraft  bewährt.  Es  ist  das  entscheidende  Merkmal  der
Anekdote,  dass  sie  nur  zur  Charakteristik  der  Hauptperson  dienen
will,  das  Detail  jedoch  mehr  oder  weniger  frei  behandelt.  Der  wahre
Kern,  die  wirkliche  Veranlassung  geben  sich  in  diesen  kleinsten  Erzeugnissen ­
  der  historischen  Phantasie  am  schwersten  zu  erkennen.
So,  wenn  Graf  Ulrich  alle  seine  Besitztümer  soll  an  die  Armen  haben
wegschenken  wollen  und  nur  durch  den  Zuspruch  eines  im  Rufe  der
Heiligkeit  stehenden  Laien,  Namens  Adelger,  davon  abgehalten  worden ­
  wäre.  So  wenn  der  Eremit  Günther  ihm  seinen  Tod  und  die
Zersplitterung  seiner  Güter  prophezeit.  Sollte  hier  nicht  der  Wunsch
mitgewirkt  haben,  den  ehrwürdigen  Mann  mit  anderen  Localberühmtheiten ­
  der  Gegend  in  irgend  eine  Verbindung  zu  bringen?  Die  todankündigende
  Erscheinung,  die  seiner  Frau  zu  Teil  wurde,  mag
man  immerhin  lügnerischem  Vorgeben  des  Geistlichen  und  der  beiden
Mägde  zuschreiben,  denen  allein  sie  dieselbe  ofFenbart  haben  soll.
Der  meiste  geschichtliche  Gehalt  ist  wohl  den  Reden  beizumessen,
die  dem  Grafen  in  den  Mund  gelegt  werden.  „Dem  Könige  treu  sein,
aber  ihn  niemals  ins  eigene  Haus  herbeirufen“  (regi  numquam  rebelletis
  vel  domum  alla  oecasione  vocetis,  quia  tune  opes  vestrae  disperdentur
  [1.  dispergentur?])  muss  eine  Familienmaxime  gewesen
sein,  deren  erster  Teil  sich  in  der  Rebellion  Heinrichs  des  Zänkers,
deren  zweiter  Teil  sich  später  bei  dem  Tode  der  Gräfin  Richlint
und  des  Abtes  Altmann  —  nach  den  Localsagen  von  Ebersberg  —
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.