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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

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V  a  h  1  e  ii

Die  gegenwärtige  Erörterung  des  Mythos  der  Tragödie  von
seiner  tragischen  Seite  erstreckt  sich  von  Kap.  9,  1452  a  1  zunächst
bis  zum  Schluss  des  14.  Kapitels.
Aristoteles  hätte  diese  Betrachtung  so  anordnen  können,  dass  er
vorerst  die  Beschaffenheit  derjenigen  Handlungen  dargelegt,  welche
Furcht  und  Mitleid  zu  erregen,  d.  h.  tragisch  zu  wirken  vermögen,
und  zweitens  diejenigen  tragischen  Momente  ins  Auge  gefasst  hätte,
durch  welche  sich  die  Wirkung  jener  an  sich  tragischen  Handlungen
steigern  Hesse.  Allein  Aristoteles  hat  thatsächlich  den  umgekehrten
Weg  eingeschlagen,  der  ihn  besser  zum  Ziel  zu  führen  schien.  Er
geht  von  dem  Satze  aus,  tragische  Handlungen  werden  um  so  tragischer ­
  sein,  wenn  der  Verlauf  ein  nothwendiger  und  in  seinem  Ergebnis ­
  dennoch  überraschender  ist,  und  untersucht  daher  vor  allem
die  Mittel,  durch  welche  ohne  Beeinträchtigung  des  strengsten
Causalnexus  das  Überraschende  erzeugt  wird,  um  erst  dann  die
tragische  Handlung  an  sich  und  die  Art  zu  betrachten,  wie  durch
Benutzung  jener  tragischen  Momente  die  Wirkung  jener  erhöht  wird.
So  sondert  sich  diese  Untersuchung  über  die  Bedingungen  des
Tragischen  in  dem  Mythos  der  Tragödie  in  zwei  Hälften,  deren  erste
(von  1452  a  1  —  b  13)  die  tragischen  Momente,  die  zweite  (Kap.
13  und  14;  1452  b  28  —  1454  a  13)  die  tragische  Handlung  erörtert. ­

Also,  die  Tragödie  soll  nicht  bioss  eine  einheitliche,  in  sich  abgeschlossene ­
  Handlung,  sondern  auch  furcht-  und  mitleiderregende
Ereignisse  zum  Gegenstand  ihrer  Darstellung  machen.  Letztere  aber
werden  dies  am  meisten  sein,  wenn  sie  gegen  Erwarten,  und  mehr
noch,  wenn  sie  gegen  Erwarten  durch  einander,  d.  h.  wie  Ursache  und
Folge  sich  bedingend,  eintreten.  Denn  das  unerwartet  (napärriv  döEav)
Eintreffende,  das  an  sich  Verwunderung  erregt,  wird  um  so  wunderbarer ­
  sein,  wenn  es  zugleich  als  die  nolhwendige  Folge  einer  vorangegangenen ­
  Ursache  erscheint.  Aristoteles  redet  nicht  davon,  welche ­
  Vorgänge  der  Menschen  Furcht  und  Mitleid  erregen,  sondern
davon,  dass  furcht-  und  mitleiderregende  Dinge,  wenn  ihnen  das  Überraschende ­
  und  Ursächliche  beigemischt  ist,  jene  Wirkung  um  so  mächtiger ­
  üben.  Das  Savp.aaröv  oder  das  ixnlYix.rix.6v,  das  die  Steigerung
jenes  bezeichnet  (Topik  126  b  14.  23),  ist  ihm  ein  wesentliches  Moment ­
  in  der  Tragödie  wie  im  Epos,  und  viele  einzelne  seiner  Lehrmeinungen ­
  gehen  auf  diese  Forderung  zurück,  sie  seihst  aber  entspringt
            
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