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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

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Pfeiffer

stossen  werden,  steht  auch  die  Echtheit  des  Liedes  aufrecht,  und  so
lange  wollen  wir  uns  des  neugewonnenen  geretteten  freuen.
Gewähren  uns  die  beiden  Merseburger  Sprüche  wichtige  Aufschlüsse ­
  über  den  Glauben  und  die  Gottheiten  der  heidnischen  Vorzeit, ­
  so  ist  dies  bei  unserem  Schlummerliede  nicht  nur  in  gleichem
Masse  der  Fall,  sondern  es  eröffnet  uns  einen  schönen  Blick  in  das
Familienleben  unserer  Vorfahren,  von  dem  wir  Ausführliches  wenig
genug  wissen.  Es  ist  ein  liebliches,  anmuthiges  Bild,  das  uns  hier
vor  Augen  gerückt  wird.  Wir  sehen  die  liebevolle  zärtliche  Mutter,
wie  sie,  ihr  Kind  in  den  Schlaf  singend,  ihm  die  süssesten  Schmeichelnamen ­
  gibt:  Püppchen,  Söhnchen,  Liebling  des  Mannes.  Es  sind  keine
Drohworte  und  Schreckbilder,  womit  sie  (wie  es  später  vielfach  Sitte
wurde  und  es  leider  häufig  noch  ist)  das  Kind  zu  schweigen  sucht,  sondern ­
  freundliches  Zureden  und  Versprechungen  von  Kuchen,  Blumen,
Schäfchen  und  —  wie  es  für  den  Sohn  einer  kriegerischen  jagdlustigen ­
  Zeit  sich  ziemt  —  schlanke  Speere  und  Wurfgeschosse.  Die  Göttinnen, ­
  welche  in  den  verdunkelten  Erinnerungen  des  Volkes  allmählich
zu  Popanzen,  zu  Spuckgestalten  und  Gespenstern  wurden,  sind  hier
noch  milde,  huldreiche,  gnädig  gesinnte  Frauengestalten,  die,  freundlich ­
  an  die  Wiege  des  jungen  unschuldigen  Lebens  herantretend,  es
mit  seinen  Gaben  überschütten.  Es  ist  dies  Denkmal  der  Poesie  eines
der  wichtigsten  und  werthvollsten,  die  eine  wunderbare  Schickung
aus  alter  Zeit  an  uns  hat  gelangen  lassen.
            
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