Forschung und Kritik auf dem Gebiete des deutschen Alterthums II. 81
wahrnehmen, bricht noch durch.“ Dennoch hat das Lied auch von
dieser Seite keine Gnade vor der Kritik gefunden und Herr Groliraann
weiss eine Reihe von Puncten anzuführen, aus denen erhellen
soll, dass, was uns hiervorliegt, kein altes echtes Kinderlied sein
könne. Was ihn am meisten stört, sind die statt des Imperativs
gebrauchten Conjunctive släfes, läzes; so dichte das Volk nicht, die
Zeilen seien nach der Regel gedichtet, welche Grimm in der Grammatik
4, 83 aufgestellt habe. Diese Remerkung beruht zum Theil
auf richtigem Gefühl. Durch die sichere Erklärung Grimm’s haben wir
aber nun in der ersten Halbzeile den vermissten wirklichen Imperativ,
und zwar sehr nachdrücklich, zwei statt einem: sltif, slümu, schlaf,
schlummre ! Nachdem auf diese Weise billigem Verlangen Genüge
gethan ist, wird man daneben den zweien imperativisch gebrauchten
Conjunctiven Nachsicht wiederfahren lassen; wenn dergleichen in den
aus den Litteraturen aller Völker herbeigezogenen Schlummerliedern
nicht mehr vorkommt, so hat dies seinen guten Grund darin, dass die
modernen Sprachen jene mildern Befehlsformen verloren haben und
dafür zu Umschreibungen greifen müssen; 'mögest du schlafen’,
'mögest du das Weinen lassen’ wäre heute wie früher allerdings
weder volksthümlich noch poetisch, aber gegen steifes, läzes ist mit
Fug nichts einzuwenden. Auch im Lorscher Bienensegen folgen den
Imperativen solche optativische Conjunctive.
Wenn ferner Herr Grohmann S. 43 die Überzeugung ausspricht,
„dass schon in heidnischer Zeit ein Schlummerlied, wie das
vorliegende, mit seinen fünf dunkeln Götternamen unvolksmässig
empfunden worden wäre und daher keinen Anklang gefunden hätte“,
so ist das ebenso modern gedacht als gesprochen. Wem sind die fünf
Götternamen dunkel? Doch nur uns, aber gewiss nicht der Zeit, der
das Gedicht seine Entstehung verdankt. Herr Grohmann kann sich,
wie man sieht, von dem bethörenden Zauber des schon erwähnten
Ammenmärchens nicht losmachen. Übrigens ist in dem Liede den
Göttinnen ein höheres Gewicht gar nicht beigelegt, denn sie fallen
ausserhalb der Allitteration. Natürlich, dem heidnischen Kinde waren
die Namen gerade so fremd und unbekannt wie sie es uns sind, ihm
waren nur die Geschenke wichtig, und diese sind es, welche allitterieren.
Aber dass im Liede gesagt ist, wer die Gaben verleihe, wer
wollte das tadeln? Sagen wir doch heute noch unsern Kindern, dass
der Osterhase die Eier lege, der Storch Brüderchen und Schwester-Sitzb.
d. phil.-hist. CI. 1,11. Bd. I. Hft. 0