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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

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Pfeiffer

das  Hildebrandslied  und  das  Muspilli  erinnern,  und  an  den  Lorsclier
Bienensegen.  Dieser  letztere  insbesonders  gewährt  die  erwünschteste
Analogie,  indem  er  genau  so  wie  das  Schlummerlied  von  einer
spätem  Hand  auf  den  untern  Rand  des  Codex  eingezeichnet  wurde.
Hätte  es  sich  nun  gefügt  —  und  für  unmöglich  wird  dies  niemand
halten  —,  dass  auch  der  Pfälzer  Codex  der  Seheere  des  Buchbinders
verfallen  und  der  Streifen  mit  dem  Segen  in  ähnlicher  Weise,  als
Haft  oder  Falz  eines  Buches,  gerettet  worden  wäre,  so  würde  es
nicht  an  solchen  fehlen,  die  sofort  an  Fälschung  dächten  und
dann  gewiss  um  Gründe  dafür  nicht  verlegen  wären.  War  doch
der  Bienensegen  selbst  in  seiner  jetzigen,  gewiss  unverdächtigen  Art
der  Überlieferung  bereits  von  einem  solchen  Schicksal  bedroht.  Ein
Freund,  dem  ich  die  Zeilen,  allerdings  bevor  ich  noch  die  Nummer
und  Beschaffenheit  des  Codex  anzugehen  in  der  Lage  war,  mittheilte,
schrieb  mir:  „Ich  kann  mich  nicht  enthalten,  dir  in  Bezug  auf  den
ahd.  Bienensegen  sogleich  zu  schreiben  und  dir  meine  Befürchtungen
auszusprechen.  Sei  vorsichtig  und  überlass  die  Veröffentlichung  demjenigen, ­
  der  den  Codex  in  Rom  selbst  vor  Augen  batte.  Wenn  du
deiner  Sache  nicht  ganz  sicher  bist,  so  lass  die  Hand  davon,  mir
scheint  das  Ding  sehr  verdächtig:  es  kommt  mir  gar  nicht  alt  vor,
sondern  sehr  modern.  Der  Verfasser  scheint  mir  tlieils  aus  Unwissenheit ­
  theils  mit  Absicht  Räthsel  aufgegeben  zu  haben.  Das  fliuc  du,
ni  habe  du,  ni  fluc  du,  also  dreimal  du  nach  dem  Imperativ,  das  ist
ganz  modern:  ob  es  auch  alt  ist,  bezweifle  ich,  obgleich  ich  nicht
nachgesehen  habe  (s.  oben  S.  7).  Was  soll  nintuuinnest?  —  in
munt  godes  ist  wohl  gemeint  im  Schutze  Gottes,  und  zu  fridu  ist
wohl  eine  Präposition  zu  ergänzen  u.  s.  w.  Noch  einmal,  die  Sache
ist  verdächtig,  sei  vorsichtig.“
Ich  habe  diese  Stelle  hergesetzt,  um  an  einem  schlagenden
Beispiel  zu  zeigen,  wie  tief  sich  die  Zweifelsucht  bei  uns  schon  eingenistet ­
  hat  und  mit  welchem  Misstrauen  jede  Entdeckung,  wenn  sie
aus  dem  Kreis  des  Alltäglichen  heraustritt,  zu  kämpfen  hat.  Gewiss
ist  die  Vorsicht  eine  schöne  Tugend,  aber  sie  wird  zum  Fehler  und
wirkt  verderblich,  wenn  sie  übertrieben  wird,  weil  sie  den  Blick
trübt  und  die  wissenschaftliche  Erforschung  und  Erkenntniss  hintanhält. ­
  Welche  Fälschungen  sind  denn  auf  dem  Gebiete  des  deutschen
Alterthums  in  unserer  Zeit  vorgekommen,  die  zu  solcher  Vorsicht
mahnen  und  uns  berechtigen,  hinter  jedem  neuen  Funde  Täuschung
            
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