Skip to main content Jump to sidebar

Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

Forschung  und  Kritik  nuf  dem  Gebiete  des  deutsehen  Alterthums  II.  £)7

und  dass  wir  dem  im  allgemeinen  freilich  wenig  zutreffenden  Gleichklang ­
  der  Wörter  und  Namen  toclia,  Ostra  und  Zanfatm  mit
Dodi  (mein  Freund,  mein  Friede!,  s.  Zappert  S.  11),  Esther  und
Ziporn  die  Erhaltung  des  Liedes  verdanken.  Auch  in  diesen  Glossen
liegt  nach  meiner  Ansicht  durchaus  nichts  Ungewöhnliches  oder  Verdächtiges, ­
  wissen  wir  doch  aus  zahlreichen  Beispielen,  wie  Grosses
in  Deutschland  von  frühester  Zeit  her  in  falschen  Etymologien  und
verkehrten  Zusammenstellungen  ähnlich  klingender  Wörter,  zumal
Namen,  ist  geleistet  worden.
Durch  die  Annahme  eines  jüdischen  Aufzeichners  entfällt  jede
Schwierigkeit  und  was  sonst  unerklärlich  wäre,  findet  in  diesem
Umstande  eine  einfache  natürliche  Lösung.  Diese  Annahme  beruht  auf
keiner  Willkür,  sondern  ist  eine  aus  dem  Thatbestand  sich  ergebende ­
  Nothwendigkeit.
Das  Resultat  vorstehender  Untersuchung  ist  demnach  folgendes.
Der  von  Georg  Zappert  1852  aufgefundene,  1858  käuflich  erworbene ­
  Papiercodex  nebst  dem  Pergamentstreifen  mit  dem  Schlummerliede ­
  stammt  aus  der  Bibliothek  eines  noch  jetzt  hier  bestehenden
Klosters.  Der  Streifen  war  wirklich  in  der  von  Zappert  angegebenen
Weise,  als  Haft  zwischen  Deckel  und  Rücken,  aufgeleimt  und,  nicht
erst  in  neuerer  Zeit,  sondern  seit  vierhundert  Jahren  mit  dem  Codex
verbunden.  Die  Beschaffenheit  des  Streifens,  das  Pergament,  die  Dinte,
die  Schrift,  ist  der  Art,  dass  sie  jeden  Gedanken  an  eine  Fälschung
ausschliesst.  Der  Schreiber,  der  das  deutsche  Lied  auf  dem  untern
Rande  des  zu  einem  hebräischen  Lehrbuch  gehörigen  Blattes  einzeichnete, ­
  war  ein  (natürlich  in  Deutschland  lebender  und  der
deutschen  Sprache  kundiger)  jüdischer  Lehrer,  der  die  in  der  Handschrift ­
  selbst  gebrauchte  und  ihm  von  der  Schule  her  geläufige
Superpunctation  auch  in  der  deutschen  Schrift  anwendete  und  drei
deutsche  Wörter  hebräisch  glossierte.
Wohl  ist  die  Art  und  Weise  der  Erhaltung  unseres  Liedes,  wer
wollte  das  läugnen,  eine  so  ausserordentliche  als  sie  nur  immer
gedacht  werden  kann.  Allein  was  beweist  das  ?  Das  Walten  des  Zufalls ­
  ist  oft  wunderbar  und  gerade  in  der  althochdeutschen  Litteratur
spielt  er  eine  nicht  unbedeutende  Rolle.  Die  meisten  unserer  ältesten
Dichtungen  und  Prosastücke  sind  uns  durch  mehr  oder  minder
wunderbare  Zufälle  erhalten,  auf  leeren  Vorsetzblättern  und  Seiten
oder  auf  den  Rändern  lateinischer  Handschriften.  Ich  will  hier  nur  an
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.