Forschung und Krllik aut* dem Gebiete des deutschen Alterthuins 11. I)d
Benutzung und Anwendung dessen, was andre vor ihm schon ausgedacht
und erfunden haben und von ihm ist beobachtet worden.
Ich halte die in Rede stehenden Erscheinungen auf dem Blättchen in
unserer Zeit geradezu für unerfindlich.
Ihnen hier zu begegnen ist im Grunde gar nichts so sehr Auffallendes,
nichts, was bei genauerer Erwägung der hier in Betracht
kommenden Umstände sich nicht auf einfache, natürliche Weise
erklären Hesse. Dass die Handschrift, auf deren unterm Rande das
Schlummerlied eingezeiclmet ist, hebräischen Inhalts war, ist eine
feststehende Thatsache, die aus den beiden Zeilen hebräischen Textes,
welche auf der Vorder- und Rückseite ein glücklicher Zufall uns
erhalten hat, auf's unzweifelhafteste erhellt. Hebräische Handschriften
aus so früher Zeit gehören in Deutschland zu den Seltenheiten und
auch die in den Wörtern beider Zeilen erscheinende Superpunctation
kommt nicht häufig vor: nach der Versicherung eines „Sachkenners
ersten Ranges“ (s. Göttinger gel. Anzeigen a. a. 0. S. 206) hat sie
sich bis jetzt nur in orientalischen Handschriften gefunden, während
man nicht weiss, ob sie auch bei den Juden im Abendlande verbreitet
war. Demnach würde der Codex, dem unser Blättchen einst angehörte,
aus dem Orient stammen und, was Niemand unglaublich scheinen
wird, von dort nach Deutschland gekommen sein, und zwar, wenn
nicht gleich nach Wien, doch nach Österreich. Sie mag sich unter
den Bücherschätzen der hiesigen alten Synagoge befunden haben,
welche bei der unter Herzog Albrecht V. im Jahre 1421 erfolgten
Judenvertreibung an die Universitäts-Bibliothek und verschiedene
Klöster vertheilt wurden. Jedesfalls ward sie hier, wenige Jahre später,
zerschnitten, und dass das Lied in Österreich geschrieben ist, wird
sich durch die folgende Untersuchung als sehr wahrscheinlich heraussteilen.
Den Inhalt der hebräischen Zeilen betreffend, so zeigt die erste
das Fragment eines kurzen Wörterbuches, die zweite (auf der Rückseite)
enthält in den vier ersten Worten den Schluss von Prov. 3,v. 13., inden
zwei letzten den Anfang von Prov. 6, v. 6. (s. Zappert S. 9). Diese
Mannigfaltigkeit des Inhalts macht es, wie schon Zappert, mit gutem
Grunde wie mich dünkt, vermuthetliat, in hohem Grade wahrscheinlich,
dass das Blatt einem für den Unterricht bestimmten Buche angehört
hat. Dagegen scheint mir seine weitere, aus den Vocalzeicben gezogene
Folgerung, dasselbe habe jungen, deutschen, christlichen