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Full text : Sitzungsberichte / Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte der Philosophisch-Historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien, 52. Band, (Jahrgang 1866)

Forschung  und  Krllik  aut*  dem  Gebiete  des  deutschen  Alterthuins  11.  I)d
Benutzung  und  Anwendung  dessen,  was  andre  vor  ihm  schon  ausgedacht ­
  und  erfunden  haben  und  von  ihm  ist  beobachtet  worden.
Ich  halte  die  in  Rede  stehenden  Erscheinungen  auf  dem  Blättchen  in
unserer  Zeit  geradezu  für  unerfindlich.
Ihnen  hier  zu  begegnen  ist  im  Grunde  gar  nichts  so  sehr  Auffallendes, ­
  nichts,  was  bei  genauerer  Erwägung  der  hier  in  Betracht
kommenden  Umstände  sich  nicht  auf  einfache,  natürliche  Weise
erklären  Hesse.  Dass  die  Handschrift,  auf  deren  unterm  Rande  das
Schlummerlied  eingezeiclmet  ist,  hebräischen  Inhalts  war,  ist  eine
feststehende  Thatsache,  die  aus  den  beiden  Zeilen  hebräischen  Textes,
welche  auf  der  Vorder-  und  Rückseite  ein  glücklicher  Zufall  uns
erhalten  hat,  auf's  unzweifelhafteste  erhellt.  Hebräische  Handschriften ­
  aus  so  früher  Zeit  gehören  in  Deutschland  zu  den  Seltenheiten  und
auch  die  in  den  Wörtern  beider  Zeilen  erscheinende  Superpunctation
kommt  nicht  häufig  vor:  nach  der  Versicherung  eines  „Sachkenners
ersten  Ranges“  (s.  Göttinger  gel.  Anzeigen  a.  a.  0.  S.  206)  hat  sie
sich  bis  jetzt  nur  in  orientalischen  Handschriften  gefunden,  während
man  nicht  weiss,  ob  sie  auch  bei  den  Juden  im  Abendlande  verbreitet
war.  Demnach  würde  der  Codex,  dem  unser  Blättchen  einst  angehörte,
aus  dem  Orient  stammen  und,  was  Niemand  unglaublich  scheinen
wird,  von  dort  nach  Deutschland  gekommen  sein,  und  zwar,  wenn
nicht  gleich  nach  Wien,  doch  nach  Österreich.  Sie  mag  sich  unter
den  Bücherschätzen  der  hiesigen  alten  Synagoge  befunden  haben,
welche  bei  der  unter  Herzog  Albrecht  V.  im  Jahre  1421  erfolgten
Judenvertreibung  an  die  Universitäts-Bibliothek  und  verschiedene
Klöster  vertheilt  wurden.  Jedesfalls  ward  sie  hier,  wenige  Jahre  später,
zerschnitten,  und  dass  das  Lied  in  Österreich  geschrieben  ist,  wird
sich  durch  die  folgende  Untersuchung  als  sehr  wahrscheinlich  heraussteilen. ­

Den  Inhalt  der  hebräischen  Zeilen  betreffend,  so  zeigt  die  erste
das  Fragment  eines  kurzen  Wörterbuches,  die  zweite  (auf  der  Rückseite)
enthält  in  den  vier  ersten  Worten  den  Schluss  von  Prov.  3,v.  13.,  inden
zwei  letzten  den  Anfang  von  Prov.  6,  v.  6.  (s.  Zappert  S.  9).  Diese
Mannigfaltigkeit  des  Inhalts  macht  es,  wie  schon  Zappert,  mit  gutem
Grunde  wie  mich  dünkt,  vermuthetliat,  in  hohem  Grade  wahrscheinlich,
dass  das  Blatt  einem  für  den  Unterricht  bestimmten  Buche  angehört
hat.  Dagegen  scheint  mir  seine  weitere,  aus  den  Vocalzeicben  gezogene ­
  Folgerung,  dasselbe  habe  jungen,  deutschen,  christlichen
            
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